Xbox feuert id Software Techniker: Ein Verrat an Spielekultur und -geschichte
Ich könnte vernünftig sein. Ich könnte Stichpunkte in die Verlierenspalte eintragen, aber auch Pluspunkte auf der Habenseite, um abschließend festzuhalten, dass Xbox trotz eines brutalen Rundumschlags, der Tausende (Tausende!) Arbeitsplätze und damit womöglich ganze Karrieren vernichtet, doch tatsächlich die Weitsicht besitzt, Geld kostende Studios nicht einfach per Planierraupe auf den neuen Businessplan zu pressen, sondern sie zurück in die Unabhängigkeit zu entlassen oder in neue Hände zu übergeben.
Ninja Theory, Double Fine, Arkane, Obsidian Entertainment, Compulsion Games, Undead Labs, ja sogar Bethesda: Betroffen ist gefühlt fast alles, was unter Microsoft-Flagge fährt – oder fuhr. Aber tot macht Xbox eben nichts davon. Hut ab. So viel wirtschaftliche Empathie in einer so schwierigen Lage würde ich den wenigsten Publishern zutrau...
Und dann entlässt man doch tatsächlich die komplette Technik-Mannschaft bei id Software, um eins der wichtigsten Studios der Spielegeschichte zu einer Art Resterampe seines eigenen Portfolios zu degradieren!
ID's over
Ich bin fassungslos. Kein Witz: Mir fiel es selten so schwer, Worte dafür zu finden, wie unglaublich unverständlich ich diesen Schritt, nein: Schnitt finde. „Alles ab“, sagte mal ein Kunde zu einer Friseurin, die ihm daraufhin eine Glatze scherte. Dabei wollte der nur eine frische Kurzhaarfrisur, mit der er sich im Sommer wieder sehen lassen konnte. Das konnte er sich nachher schenken. Und das können Microsoft beziehungsweise Xbox ganz genauso!
Was ist denn bitte id Software?
ID Software gehört zu den prägenden Studios der Spielegeschichte – hauptsächlich deshalb, weil das Studio mit bild- und tongewaltigen Ego-Shootern das Genre überhaupt erst populär gemacht hat. Grundlage dafür waren vor allem in den ‘90-er und frühen 2000-er Jahren technische Meisterleistungen, darunter die erste praktisch komplett in 3D berechnete Spielwelt sowie Echtzeitschatten, die es in dieser Form noch nicht gegeben hatte.
Ist denen nicht aufgefallen, dass id Software gerade mit seiner Technik die Spielewelt fast immer weitergebracht hat? Haben die tatsächlich nicht bemerkt, wie sehr sich die exzellente Technik stets auf das id-typische Spielgefühl ausgewirkt hat? Wissen Sharma & Ko. überhaupt, dass Indiana Jones und der große Kreis auch wegen id Softwares Engine den Charme des Originals so glänzend einfängt?
Ob der Auftritt des Doom Slayers in der kommenden Erweiterung zu Doom: The Dark Ages sein letzter ist?ID Software ist Spielegeschichte – und zwar keine vergangene, sondern hochaktuelle. Mag sein, dass das aktuelle Doom nicht das ganz große Ding war. Aber technisch – hört ihr? technisch! – wars mal wieder klasse. Vor allem aber zählen gleich beide Vorgänger zu den besten Shootern aller Zeiten. Genauso wie eine ganze Reihe der früheren Spiele.
ID ist eine Schmiede mit ganz eigenem Flair. Mit dem Schwung eines legendären Rockstars, der nie aufgehört hat, wie zu seinen besten Zeiten die Membranen seiner Mikros zu malträtieren. Ein Lemmy der Spielewelt, wenn man so will, mit seiner ihm eigenen, nun: IDentität.
So etwas bricht man doch nicht in der Mitte entzwei und freut sich, dass in Zukunft trotzdem irgendwie geile Spiele dort herauskommen sollen! Erstens klingt das zumindest auf dem Papier nach reiner Schizophrenie und zweitens muss man doch auch in Zeiten größter Not am Kern dessen festhalten, was einen ausmacht. Und die Coder bei id Software sind in meinen Augen ein ganz essenzieller Teil dieses sehr besonderen Kerns.
Was bleibt denn sonst außer Schall und Rauch? Dass id in Zukunft weiter Spiele entwickelt, ohne sie selbst auch technisch zu stemmen, wird der speziellen Aura des Studios doch überhaupt nicht gerecht - schon gar nicht, wenn es in einer solchen Hauruck-Aktion zusammengestampft wird.
Besser ein halbes Fundament als gar keins?
Wie will man bei Xbox denn glaubhaft vermitteln, dass der Marke an Videospielen gelegen ist, wenn man wie die Axt im Walde scheinbar wahllos umhaut, was einem vor die Klinge kommt? Natürlich kenne ich keine Zahlen, mögliche Pläne für die Zukunft schon gar nicht und vielleicht bekommt der Rest des Studios ja auch ohne seine langjährigen Kollegen sowie etwa fünfzig Prozent seiner bisherigen Identität grandiose Spiele hin. Wie „vielversprechend“ das klingt, muss ich aber sicher niemandem erklären.
Wobei man das bei Xbox durchaus anders sieht. Schaut mal: „XBOX gehört zu den Orten, an denen Menschen nicht nur zum Spielen kommen, sondern um zueinander zu finden und gemeinsam Erinnerungswürdiges zu schaffen“, hieß es von Asha Sharma Mitte letzten Monats in einer firmenweiten Mitteilung, von „talentierten Studios“ in einer anderen. „Mit [...] großartigen Spielen unter unserem Dach als einer der weltgrößten Publisher [...] steht unser Fundament“, sagte sie in der ersten – um einen Teil des Fundaments jetzt abzureißen. Denn großartige Spiele gelingen eben auch ohne die Leute, die sie bisher gemacht haben.
Quake: Das erste Spiel mit kompletter 3D-Umgebung, in der auch Charaktere und Geschosse plastische Objekte sind.Mir ist klar, dass das hier ein rein emotionaler Text ist, ohne irgendeine Kenntnis davon, was bei Xbox tatsächlich geschieht – und vor allem wieso es das tut. Ich kann mir aber nun mal beim besten Willen nicht vorstellen, dass ausgerechnet die Coder bei id Software dermaßen sinnlos sind, dass eine so wichtige Tradition einfach abgeschnitten wird. Ich verstehe nicht, warum sich Microsoft lieber einen Gesichtsverlust leistet, der dem Anschein nach von Ignoranz dem eigenen Medium gegenüber zeugt, anstatt sich dieses essenzielle Stück Spielkultur schlicht zu leisten. Es ist ja nicht so, dass man dort pleite wäre!
Wieso lagert man id Software nicht wenigstens auf ähnliche Art aus, wie man das mit anderen Studios tut? Beziehungsweise: Wieso gibt es nicht einmal Worte der Erklärung dazu? Spätestens das zeigt mir, dass man sich der Schwere des bevorstehenden Eingriffs dort tatsächlich nicht bewusst war.
Die Microsoft-Leier
Aber gut: Wer Xbox über den Weg traut, dem ist ohnehin nicht zu helfen. Das haben schon etliche Initiativen gestartet, mit denen Spieler erst auf eine Reise mitgenommen und nach kurzem Probelauf wieder fallengelassen wurden, weil die Idee dann doch mal wieder nicht so ertragreich war wie erhofft.
Nein, Redmond interessiert sich einen feuchten Kehricht für euch oder gar für Videospiele. "Spielkultur... Ist das Kunst oder kann das weg?“ In Redmond geht es nur um Kohle. Man schert sich ja nicht einmal um das Minimum einer glaubwürdigen Fassade. Glatze, grinsen, ab dafür! Irgendjemand wird’s schon fressen. Brief von Asha – Schwamm drüber.
Und wenn nicht, kommt in zehn Jahren eben die nächste Initiative. Immerhin das ist sicher. Blöd natürlich, wenn man dann schon wieder was geschaffen oder sich einverleibt hat, was für den einen oder die andere tatsächlich erinnerungswürdig war. Aber vielleicht machen sich Ausdrucke solcher Erinnerungen auch einfach super vor den Büros der Xbox-Chefinnen und -Chefs. So als Fundament, auf dem man bei Xbox buchstäblich steht.









