Sich eine ikonische und geliebte Unterhaltungsmarke unter den Nagel zu reißen, ist zweifellos zugleich ein Segen und ein Fluch. Einerseits hat man die Gelegenheit, die Geschichte des Franchises und seiner Erzählungen für die eigene Arbeit auszuschöpfen und von dem Interesse einer hingebungsvollen Fangemeinde zu profitieren. Andererseits … gibt es eine Menge Erwartungen. Die Menschen kennen dieses Franchise. Sie kennen diese Figur wie einen Freund. Sie wissen genau, wie sie sie haben wollen.

Diese Herausforderung betrifft nicht nur das Gameplay und die Besetzung von Bond, sondern zieht sich durch alle Bereiche. Es gibt eine gewisse "Bond'sche" Energie, die sich durch dieses Spiel ziehen muss wie die Schrift durch einen Seaside Rock Stick – und eine der am stärksten unter Druck stehenden Abteilungen ist dabei zweifellos das Audio-Team von IO Interactive. Sie müssen nicht nur sicherstellen, dass die Geräusche von Gadgets und Waffen richtig klingen, sondern sich auch um einen der ikonischsten Aspekte eines 007-Abenteuers kümmern: den Soundtrack.

"Sechzig Jahre Bond – es gibt eine Menge klanglicher Ikonografie", gesteht Dominic Vega, der Audio- und Missionsdirektor von 007: First Light. Wir unterhalten uns kurz im Rahmen einer umfassenden Tour durch das Kopenhagener Hauptquartier von IO Interactive, wo ich einen Einblick in Bonds neuestes Abenteuer bekommen und mit einigen der Entwickler sprechen konnte, die es zum Leben erwecken. Wie beim Rest des Spiels fasst sich die musikalische Herausforderung in der Darstellung einer jungen, unerfahrenen Version von MI6s berühmtestem Agenten zusammen. Dies ist ein junger Bond, der noch nicht vollständig zu dem Superspion geworden ist, den wir kennen. Gleichzeitig gibt es aber klare Erwartungen: Die Fans wollen bestimmte Klänge und Themen hören.

Oder, um es anders zu sagen: Dieser Bond muss sich "seine Themen verdienen", wie Vega sagt. "Im Verlauf der Kampagne wächst er, er erarbeitet sich seine Nummer – und er verdient sich seine musikalischen Themen."

Das Ergebnis ist ein Soundtrack und eine akustische Landschaft von ungewohnter Ambition – und damit etwas, das sich deutlich von allem unterscheidet, was IO Interactive bisher produziert hat. Das düstere Grollen von Hitman wäre hier fehl am Platz, ebenso wie die atmosphärische Härte des Kane-&-Lynch-2-Scores. Hier wird etwas anderes gebraucht – und zusätzlich möchte das Studio einen Soundtrack erschaffen, der unverkennbar Bond ist, sich aber dennoch von der akustischen Signatur der Kinofilme abhebt.

Für diese Aufgabe hat Vegas Team das britische Komponistenduo Joe Henson und Alexis Smith engagiert – besser bekannt als The Flight. Die beiden haben bereits eine beeindruckende Liste von Referenzen vorzuweisen, darunter zahlreiche bekannte Videospiel-Soundtracks. Insbesondere dürfte man ihre Arbeit aus Horizon Zero Dawn und Horizon Forbidden West, Alien Isolation sowie Assassin’s Creed Shadows und Assassin’s Creed Odyssey kennen.

"Sie sind ein wirklich großartiges Komponistenduo mit fantastischen Referenzen und unglaublicher Musik", sagt Vega. "Sie sind die perfekte Mischung aus der orchestralen Meisterschaft, die Bond erfordert, und einem modernen Ansatz, der es den Spielern, denke ich, leicht machen wird, sich mit dieser neuen musikalischen Richtung für das 007-Franchise zu identifizieren."

"Ihr Sound liegt irgendwo zwischen Orchester und synthetischen Elementen, und ich denke, sie verkörpern als Duo genau das, wonach wir suchen: Wir bringen einen jüngeren Bond, der diese Welt des MI6 entdeckt – diese Welt der Spionage, der Intrigen und des Undercover-Lebens – und sie helfen uns, all das musikalisch zum Leben zu erwecken."

Der Sound ist für Bond so wichtig wie die Optik. | Image credit: IO Interactive / MGM

Anhand einiger Demos bekommt man einen Eindruck von der Bandbreite der möglichen Soundtrack-Optionen. Autorennen und Schusswechsel sind Beispiele für Szenen, in denen First Light linearer verläuft und einen entsprechend stärker cineastischen Score erfordert. In offeneren Arealen jedoch muss das Spiel flexibel reagieren können; der Soundtrack muss sich dynamisch anpassen und formen, da es jederzeit vorkommen kann, dass man innerhalb von Sekunden von einer charmanten Party-Konversation in einen brutalen Nahkampf übergeht.

Das ist nicht nur eine Herausforderung für The Flight als Komponisten, sondern auch für das technische Team von IO Interactive, das das Spiel entwickelt. Dynamische Musik ist in Spielen mittlerweile Standard, doch durch die starke melodische Identität des Bond-Franchises muss sie hier besonders sorgfältig miteinander verwoben werden, wie Vega erklärt.

"Das Spiel dreht sich stark um kreative Entscheidungen und darum, Gelegenheiten so wahrzunehmen, wie es der Spieler für richtig hält – und die Musik muss das perfekt unterstützen", betont der Audio Director.

"Melodie ist in Spielen unglaublich schwer richtig umzusetzen, weil Spiele interaktiv sind. In First Light haben wir darauf bestanden, unsere musikalischen Ideen vollständig auszuführen. Selbst wenn der Spieler blitzschnell von einem Kampf in eine ruhige Szene übergeht, müssen wir das musikalische Motiv zu Ende führen. Das ist verdammt schwierig. Und auf einem Spreadsheet sieht das nicht gerade gut aus", fügt er lachend hinzu. "Aber wir finden, dass es unglaublich wichtig ist."

Das geht Hand in Hand mit umfangreichen Arbeiten an IOs hauseigener Glacier-Engine, um die Technologie so anzupassen, dass sie perfekt zur Form eines Bond-Spiels passt.

"Typische Kampfmusik und -design hätten hier einfach nicht ausgereicht", sagt Vega. "Musik im Bond-Universum ist kantig. Sie hat gemischte Taktarten. Sie liegt manchmal leicht daneben. Sie lässt Raum zum Atmen. Sie hat Platz für Dialoge, Platz für Wirkung. Genau das wollen wir einfangen. Wir haben viel von unserer Technologie überarbeitet, um sicherzustellen, dass es nicht nur um Melodien, Motive und das Gefühl geht, Bond zu sein – sondern auch darum, wie wir all das für den Spieler zusammenfügen."

Ihr könnt von der Musik ebenso viele Nuancen erwarten, wie ihr es in einem Bond-Film erwarten würdet. | Image credit: IO Interactive / MGM

Die Fans können sich auf zahlreiche klassische Bond-Momente freuen, die Vega fröhlich als "Needle-Drop"-Momente bezeichnet – gezielt eingesetzte ikonische Musikpassagen –, aber das Team war gleichzeitig sehr darauf bedacht, es nicht zu übertreiben. Es gibt viele neue, originelle Themen, und in der Philosophie, dass Bond sich seine ikonischen Klänge erst "verdienen" muss, wird einer von John Barrys beliebtesten Melodien nur dann erklingen, wenn der Moment es wirklich rechtfertigt. Die Klangwelt des Spiels wird außerdem Bonds internationale Reisen widerspiegeln – man wird in der Spielwelt passende Musik zu den jeweiligen Orten hören, einschließlich lizenzierter Stücke. Auch die Dialoge werden durch Sprache und Akzente an den jeweiligen Schauplatz angepasst.

Einige Elemente des Bond-Sounds sind jedoch unauslöschlich. Das Franchise hat seine Wurzeln in den Filmmusiken von 1963 und in den Big-Band-Swing-Vibes von Monty Normans legendärem "James Bond Theme", das wiederum John Barry die Vorlage für einen unvergesslichen Klangteppich lieferte. Dieser Sound muss vorhanden sein, betont Vega, sowohl für alte Fans als auch für Neueinsteiger.

"Wir sind wirklich stolz darauf, wohin wir das Ganze gebracht haben, aber am Ende laufen alle Wege auf Bond hinaus, auf diesen ikonischen Sound."

"Wir haben einen orchestralen Klang in unserem Spiel, aber dies ist ein junger Bond. Wir wollen das Orchester gewissermaßen durch den Soundtrack entdecken. Wir möchten einen Bond für eine neue Gaming-Generation erschaffen und dabei einen frischen Klang präsentieren, ohne jemals zu vergessen, dass dies eine klassische Marke ist, bei der sich langjährige Bond-Fans wirklich willkommen fühlen sollen – aber gleichzeitig sollen auch neue Spieler an diese klangliche Ikonografie herangeführt werden, die eng mit der Erfahrung der Figur verknüpft ist."

Es gibt elektronische Elemente im Soundtrack, die die Gegenwart widerspiegeln, aber Vega ist überzeugt, dass das Bond-Erlebnis keines ist, das sich rein synthetisieren lässt – und der Soundtrack muss das widerspiegeln.

Musik beeinflusst die gesamte Stimmung. | Image credit: IO Interactive / MGM

"Wir sind stolz darauf, ein musikalisches Genre präsentieren zu können, das in den Medien zunehmend verschwindet", betont er. "Ich denke, das ist etwas, das wir sehr ernst nehmen. Ich finde, sechs Hörner in einer Konzerthalle klingen einfach fantastisch, und ich möchte sicherstellen, dass die Spieler genau das erleben können."

"Einige der besten Soundtracks, die mir einfallen – und wenn ich in einem Raum voller Hardcore-Gamer fragen würde, welches eure liebsten Soundtracks sind –, stammen fast alle von Komponisten, die dem Publikum echte Musik präsentieren wollten, versteht ihr?"

"Und schließlich – Gamer verdienen es, eine Swing-Band zu hören. Ich finde eine große Blechbläsergruppe großartig, das ist nichts, was man jeden Tag hört, und ich glaube, wenn man Bond spielt, will man genau das."

Es ist ein ehrgeiziges musikalisches Projekt – was nur Sinn ergibt, schließlich tritt man in die Fußstapfen von Größen wie John Barry und David Arnold. Aber bei all der Musikdiskussion fehlt noch ein weiterer Bond-Klassiker: Was ist mit einem Titelsong? Diese Frage provoziert die klassische "Noch nocht"-Reaktion. Ihr könnt es euch so vorstellen: Die PR-Manager sind sofort angespannt, ein leicht unangenehmes Schweigen liegt im Raum.

"Wir haben noch einige großartige Musikankündigungen zu machen", sagt Vega diplomatisch. "Wir streben selbstverständlich das vollständige Bond-Erlebnis an."