Ninja Gaiden 4 im Test: Ein Meilenstein für die Serie und in der Geschichte von Platinum.
„Disco in Tokyo“ steht da geschrieben; rosafarbene Leuchtstoffröhren über einer Tür, vor der wenige Sekunden später ein furioser Schaukampf explodiert. Ein Schaukampf, der in Ninja Gaiden 4 freilich keine Seltenheit ist, sondern an der Tagesordnung steht. Und zwar als Hauptprogramm in Dauerschleife. Sodass man irgendwann erschöpft nach Luft schnappt – gleichzeitig aber so viel Adrenalin pumpt, dass man einfach immer weiter spielt.
Schwertstreiche, Hammerhiebe, Lanzenstiche reihen sich im Takt von Millisekunden aneinander. Angriff, Block plus ein Konter, der fast im Moment der Parade schon ins Ziel schlägt. Ein Sprung zum Ausweichen und wenn das Timing stimmt, geht Yakumo sofort in seinen wütenden Ultimate-Wirbel über, mit dem er einen, manchmal zwei Gegner völlig vernichtet.
Brachiale Finisher erledigen Feinde, die in Springbrunnen aus Blut zerplatzen. Springen, Schlagen, über den Boden gleiten und per Greifhaken an eine Wand herauf ziehen, um schwebende Gegner aus der Luft zu fischen. Mit einem Blutbad-Massaker beendet Yakumo das Leben aller Dämonen in unmittelbarer Nähe. Und falls dann trotzdem noch einer am Rand einer Plattform steht, springt er über ihn drüber, greift ihn sich und schmeißt ihn einfach über die verdammte Kante. Ich feiere diesen Moment!
Man kann nicht erklären, wie sich Ninja Gaiden 4 anfühlt. Man muss es selbst erleben.In den vergangenen zwei Absätzen sind mitunter nicht einmal zehn Sekunden vergangen. Ninja Gaiden 4 hat eine wuchtige Rasanz, die ihresgleichen sucht, selbst innerhalb der eigenen Serie. Liegt es daran, dass diese Episode nicht von Tema Ninja, sondern den Actionmeistern bei Platinum Games stammt?
Denn zum ersten Mal wurde ein Teil der aktuellen Hauptserie (den kürzlich erschienenen 2D-Ableger Ragebound zähle ich ebenso wenig dazu wie die zu 8-Bit-Zeiten entstandenen Vorläufer) ja nicht von Team Ninja entwickelt und zum ersten Mal spielt auch nicht Ryu Hayabusa die Hauptrolle, sondern der Held eines anderen Clans: Yakumo. Und sein Abenteuer trägt ganz eindeutig die Handschrift der Erschaffer.
Im Grunde ist Yakumo übrigens fast die gesamte Zeit über in einem futuristischen Tokio unterwegs, das sich in der Macht von Dämonen befindet. Von dort führt es ihn auch an andere Schauplätze, eine Weltreise unternimmt er jedoch nicht.Alleine die Art, mit der man per Schultertaste ausweicht… Wie man sich dadurch einen Vorteil erspielt, weil man anschließend auf verschiedene Art zurückschlagen kann – und wie herrlich befriedigend sich das anfühlt –, das ist eins der Markenzeichen von Platinum. Zusätzlich kann Yakumo blocken oder seine eigenen Attacken so timen, dass er Angriffe pariert. Beides ermöglicht nach perfekter Ausführung ebenfalls mächtige Konter, sobald man die freigeschaltet hat.
Auf jeden Fall geht das alles Platinum-typisch präzise von der Hand, während bestimmte Aktionen von schwungvollen Kamerabewegungen eingefangen werden. Das eine oder andere Mal hat man nicht die perfekte Sicht, wenn Yakumo in einer Ecke steht. Das Übliche. Passiert hier selten genug. Fast immer ist dieser martialische Tumult allerdings angenehm übersichtlich und hervorragend kontrollierbar.
Ich denke mir das ja nicht aus.Auffällig finde ich ohnehin, wie sauber Platinum die Action programmiert hat. Dass auf dem Steam Deck die Bildrate eines frischen Triple-A-Spiels in einigen Situationen auf etwa 50 fällt, ist schon das Schlimmste, was mir einfällt. Im Gegenzug hat Platinum seine explosive Dynamik so gut geölt, dass sie – falls man das will – mit 120 Bildern pro Sekunde auf allen Plattformen läuft. Einzige Ausnahme ist Microsofts Series S. Aber selbst die stemmt den 60-FPS-Modus.
Überhaupt freue ich mich, dass das Studio mit Ninja Gaiden 4 nicht nur spielerisch mal wieder sämtliche Muskeln spielen lässt, wie ihm das in den letzten Jahren ein wenig abhanden gekommen war, sondern auch technisch voll auf der Höhe ist und dabei so saubere Arbeit leistet, wie das bis heute leider nicht allen japanischen Studios gelingt. Mag sein, dass es sich um einen Vorgabe von Team Ninja handelt, aber dass Platinum dabei auch inhaltlich seinen eigenen Weg geht, finde ich nur konsequent.
An diesem Terminal kauft man Heiltränke, Verstärker und andere Gegenstände. Direkt daneben gibt es neue Fähigkeiten bei Yakumas Mentor. Auch Missionen zum Finden bestimmter Gegenstände und Herausforderungen werden hier aktiviert und gegen Währung eingelöst - das dient vor allem als Orientierung dafür, was in den Levels alles versteckt ist. Das Freischalten von Kombos ist davon unabhängig und jederzeit im Austausch für Erfahrungspunkte möglich.Oder vermisst ihr Ryu Hayabusa, wenn ihr an Ninja Gaiden 4 denkt? Ganz ehrlich: Spielerisch werdet ihr den Unterschied kaum spüren. Yakumo tanzt mit seinen vier Waffen mindestens genauso gekonnt unter den Angreifern umher, eher sogar noch eleganter. Viele seiner Aktionen gleichen dabei denen des früheren Protagonisten. Manche übernimmt er gar von seinem „Vorfahren“. Unterschiede liegen vor allem in Details, die ein Nachfolger sowieso weiterentwickeln würde.
Und natürlich greift man irgendwann auch als Ryu zum Katana. Das ist allerdings nur in wenigen Kapiteln der Fall. Stellt das einen Verlust dar? Ich sag’s mal so: Die Story und ihre Charakteren sollte nicht der Grund sein, aus dem man dieses oder eins der anderen Ninja Gaiden spielt. Seid mir nicht böse, aber hier wie da sind die Figuren nun mal recht blasse Skizzen einer überschaubaren Fantasy-Mär im dystopischen Weltuntergangs-Ambiente.
Seori leitet Yakumo auf dem Weg zum endgültigen Auslöschen des Dunklen Drachen, der Tokio quasi gefangenhält.Reicht ja auch! Man kommt zum Köpfen, nicht zum Verkopfen. Gelungene Überraschungen gibt es trotzdem, gegen Ende kommt durchaus Schwung in die Geschichte und ein paar der Zwischensequenzen sind aufwändig animiert – ärgerlich nur, dass sie mit auffallend niedriger Bildrate laufen und vorberechnet sind, weshalb weder Yakumo noch Ryu eins der möglicherweise gekauften alternativen Outfits tragen.
Und wenn Ryu dann einmal zum Schwert greift, spürt man wenigstens, wie mächtig er gegenüber der jüngeren, mindestens vorübergehenden Wachablösung ist. Dämonen, an denen sich Yakumo noch abarbeiten musste, zerlegt Ryu quasi im Vorbeischnetzeln. Außerdem nutzt er vier Arten von Ninpo-Magie, anstatt vier Waffen zu tragen, während auch die Charakterentwicklung ein wenig anders funktioniert. So bindet Platinum den klassischen Serienhelden überzeugend ins Spiel ein. Zumal seine Episoden der Geschichte interessanterweise ihren emotionalen Touch verleihen.
Klassisch: Ryu nutzt keine vier Waffen, dafür aber vier Ninpo-Zauber.Im Vordergrund steht aber ganz klar Yakumo, über den Platinum das vertraute Zuschlagen um starke Neuerungen ergänzt. So aktiviert der Kämpfer des Raben-Clans etwa eine Blutrabenform. Die muss zwar erst aufgeladen sein, doch das geht schnell, und seine verwandelte Waffe richtet dann nicht nur größeren Schaden an, sondern verhindert auch feindliche Kraftangriffe, die sonst seine Deckung durchschlagen könnten. Besonders bei Bossen sollte er rechtzeitig auf das Ausholen zu solchen Aktionen reagieren. Die geraten dadurch nämlich gleich noch ins Taumeln.
Reiht Yakumo lange genug erfolgreiche Aktionen aneinander, kann er außerdem zum Berserker werden. Dann zerschlägt er sämtliche kleineren Feinde in unmittelbarer Nähe oder führt mit dem richtigen Timing martialische Kombos aus, die einen gezielt anvisierten Gegner mit einem einzigen Schlag eliminieren – dramatisch gerahmt von einer Manga-schicken, knallroten Superzeitlupe.
Als Berserker macht Yakumo mit den meisten Gegnern kurzen Prozess.Ausweichen, Parieren, Blocken, Kontern und das Loslassen zum Auslösen solcher Finisher: Es geht immer um das richtige Timing. Platinum beschränkt sich auf eine überschaubare Anzahl an Kombos und auch die Konter nach den defensiven Aktionen tun stets das Gleiche. Ein paar der Kombos ermöglichen wirkungsvolle Aktionen, weshalb man sie unbedingt nutzen sollte. Im Wesentlichen geht es in Ninja Gaiden 4 aber um den rasanten Rhythmus und da steht das Gefühl für Takt beziehungsweise Timing im Vordergrund.
Das ist schon auch Kopfsache! Man muss ständig Kombos und Formen wechseln, gut beobachten und in Sekundenbruchteilen die richtige Aktion aufs Gamepad bringen. Die vielfältigen Gegner machen mit variantenreichen Aktionen schließlich gewaltig Druck. Ninja Gaiden 4 kennt vorsichtiges Belauern zwar und bindet auf beiden Seiten sowie auf ausgesprochen coole Art mächtige Fernangriffe ins Geschehen ein. Fast immer rücken einem etliche Feinde aber dermaßen penetrant auf die Pelle, dass man den eigenen Adrenalinpegel kontrollieren sollte, um gezielte Gegenwehr zu leisten.
Ninja Gaiden 4 wird auf allen drei Plattformen natürlich digital vertrieben, ist für PlayStation 5 und Xbox-Series-Konsolen aber auch auf Disk erhältlich. Die Standard-Ausgabe kostet dabei knapp 70 Euro, während eine Deluxe Edition mit knapp 90 Euro zu Buche schlägt. Außerdem ist es mit einem Ultimate-Abonnement auch im Game Pass für Xbox sowie im Game Pass für PC verfügbar. Die Deluxe-Ausgabe enthält neben dem Spiel einen Downloadinhalt namens Die zwei Meister, jeweils zwei alternative Outfits für Yakumo und Ryu sowie alternativ gefärbte Waffen, ein paar Heil- beziehungsweise ähnlich Gegenstände und 50.000 NinjaMünzen zum Kauf von Fähigkeiten oder weiteren Gegenständen. Das dürfte besonders im ersten Kapitel eine gute Starthilfe sein, ein großer Vorteil ist es insgesamt nicht.- Amazon
- Saturn
- Steam
- PlayStation Store
- Xbox Store
- Abwechslungsreiche, hervorragend spielbare Action mit spektakulären Höhepunkten und einfallsreichen Bossen
- Einige gut versteckte Geheimnisse und optionale Herausforderungen
- Rasante Übergänge zu neuen Arealen und flotte Stealth-Aktionen
- Separates Anwählen einzelner Kapitel sowie Bosskampf-Modus sowie jederzeit verfügbares Training zum Üben aller Techniken
- Einstellbare Schwierigkeitsgrade, optionale Hilfen und Einstellungen zum Anpassen des Spielgefühls
- Blitzsaubere Grafik mit 30-, 60- und 120-FPS-Modus (Series S bis 60 FPS)
- Flache Charaktere in sehr überschaubarer Geschichte
- Zwischensequenzen sind in 30 FPS vorgerechnet, sodass Yakumo und Ryu keine optionalen Kostüme tragen
Umso besser übrigens, dass Yakumo jederzeit zwischen seinen vier Waffen wechseln kann – auch mitten in der Luft, um sich per Schwertstreich etwa in die Höhe zu schwingen und mit einem Hammerschlag wieder auf den Boden zu donnern. Schon alleine, weil es sich gut anfühlt, mehrere Gegner der Reihe nach mit dem Finisher einer jeweils anderen Waffe ins Nirvana zu befördern, schalte ich hier häufig um.
Und auch an Bosse sollte man sich nah herantrauen, wenn man sie effizient bekämpfen will. Die einfallsreichen Duelle mit den dicken Wächtern setzen ohnehin gelungene Akzente in diesem Höhepunkt-Stakkato und viele sehen nicht nur schick aus, sondern kämpfen auch auf einfallsreiche Art. Einige zaubern mir jetzt noch ein Grinsen ins Gesicht, wenn ich an sie denke.
Zu allem „Überfluss“ choreografiert Platinum ja selbst die Übergänge von einem Areal ins nächste so klasse, dass auch sie den markanten Flow aufrechterhalten. Das fängt ganz harmlos an, wenn Yakumo genau wie Ryu an Wänden entlang sprintet, aber auch auf den Schienen einer futuristischen Hochbahn durch Tokio gleitet, um gelegentlichen Hindernissen auszuweichen.
Das wird spätestens dann allerdings aufregend, wenn er von der Schiene in einen Windstoß springt, um darin zu gleiten, anschließend auf einer reißenden Strömung surft und sich von dort auf eine Plattform fallenlässt, wo er den ersten Feind im freien Fall schon per Takedown ausschaltet.
Die Übergänge zum nächsten Areal sind oft rasante akrobatische Szenen - wobei es auch dort mehr auf rechtzeitige Reaktionen ankommt, nicht auf geschicktes Bewegen.Überhaupt, diese Takedowns… Sie dienen sehr oft als fließender Übergang vom Reisen zum Kampf, wobei es sogar Areale gibt, in denen man sämtliche Dämonen heimlich nacheinander per Stealth-Kill aus dem Leben reißt. Ich rede nicht vom langsamen Schleichen oder einem ewigen Versteckspiel! Yakumo kann im Rücken der Wachen vielmehr auf sie zu sprinten oder sich eben von oben auf sie herabstürzen, um sie ohne vorherigen Kampf zu finishen – für mich das Tüpfelchen auf dem i dieser perfekten Power-Fantasy. Oder ihr lasst das einfach und stürzt euch in den ganz normalen Kampf. Das Leveldesign zwingt nie dazu, heimlich zu meucheln.
Ihr müsst auch keine Geheimverstecke suchen. Vielleicht habt ihr aber Lust auf zusätzliche Herausforderungen, etwa in Form besonders starker Soldaten sowie versteckter Gegenstände. Das bringt nicht nur Erfahrung zum Erlernen neuer Kombos sowie Geld zum Freischalten grundlegender Fähigkeiten oder den Kauf von Heiltränken. Es hakt auch Missionen auf einer kleinen Liste ab, die ihr annehmen oder ignorieren dürft. Versteht diese Liste nicht als rollenspielartige Auftragskladde! Sie ist mehr Alibi als Notizbuch und dient vor allem als Hinweis darauf, was es im aktuellen Level zu tun gibt.
Die zahlreichen Finisher werden wuchtig inszeniert und sind wichtig, um Gegner schnell zu erledigen.Der größte Zeitvertreib sind dabei nicht die kleinen Abzweigungen zum Aufspüren versteckter Kisten. Es sind Portale, die Platinum-Fans vertraut vorkommen dürften. Denn sie führen an einen Fegefeuer genannten Ort, wo anspruchsvolle Arenakämpfe warten. Mehr noch: Bevor ihr dort hindurchgeht, habt ihr die Wahl, mit wie viel Gesundheit Yakumo die Herausforderung bestreiten soll. Je weniger Lebensbalken er dabei mitnimmt, desto höher fällt die mögliche Belohnung aus - logisch.
Überhaupt könnt ihr stets wählen, wie leicht oder schwer Ninja Gaiden 4 sein soll. Auf der einfachsten Stufe ist es ein vergleichsweise entspanntes Erleben der Geschichte und Kennenlernen aller Mechaniken. Auf der höchsten freilich das, was Fans der beinharten Serie erwarten. Einsteiger und solche, die Unterstützung benötigen, schalten zudem Hilfen an, die ihnen in Sachen Wahrnehmung und Steuerung unter die Arme greifen. Zumal ich nicht zuletzt die frei einstellbare Steuerung hervorheben will. Auch in Sachen Bedienung und Optionen spielt Platinum nämlich ganz vorne mit.
Dieser Zeitgenosse gehört zu den einfallsreichsten Bossen des Spiels.Und falls ihr nach dem Abspann noch nicht genug davon habt: Freigeschaltet wird danach erst der vierte Schwierigkeitsgrad sowie ein Bosskampf-Modus und die Möglichkeit, alle Levels mit verschiedenen Einstellungen separat zu spielen – und zwar entweder als Yakumo oder als Ryu. Ganz, wie es auch beliebt.
Ninja Gaiden 4 im Test – Fazit
Ninja Gaiden 4 ist ein Meilenstein, denn sowohl die Serie als auch Platinum Games melden sich hier mit einem Spektakel zurück, das zu den besten Spielen dieses Jahres zählt. Seine blitzsaubere, mitreißende und hervorragend spielbare Action ist ein Hochgenuss, die frenetische Dynamik fühlt sich berauschend an, perfektes Timing wird mit krachenden Finishern belohnt und man muss sinnvoll verzahnte Techniken beherrschen, ohne sich im taktischen Dickicht zu verlieren.
Ja, selbst die Übergänge von einer Szene zur nächsten sind aufregende Highspeed-Sequenzen und von rasanten Finishern geprägt. Wer die Serie nicht als tiefschürfenden Roman versteht oder aus Prinzip ihren bisherigen Helden vermisst, der kann mit Ninja Gaiden 4 jedenfalls dort weitermachen, wo er mit Ninja Gaiden 2 einst aufgehört hat – und sich auf ein furioses Feuerwerk freuen; eins der Besten seiner Art!
Ninja Gaiden 4 PROCONTRA









