1000xRESIST erzählt eine ebenso vielschichtige wie fesselnde Geschichte – mit kleinen Längen und einer zu überschaubaren Inszenierung, aber auf einzigartige kreative Art.

Ich ärgere mich! Ich ärgere mich darüber, dass ich 1000xRESIST verpasst habe, als es im vergangenen Jahr schon auf PC veröffentlicht wurde. Denn erst als mir die heutige Veröffentlichung der Umsetzungen für Xbox Series S/X und PlayStation 5 ins Auge gefallen sind, habe ich mir das Spiel mal angesehen und mich daraufhin auf ein Abenteuer eingelassen, wie ich es in dieser Form noch nicht erlebt habe.

Es ist nicht so, dass die Elemente, aus denen 1000xRESIST besteht, für sich genommen neu wären. Per Schulterblick erkundet man eine futuristische Stadt, an bestimmten Orten ist man in Egoperspektive unterwegs und die Geschichte wird über zahlreiche Dialoge erzählt, da weder Kampf noch andere nennenswerte Herausforderungen ein Thema sind.

Stellt euch 1000xRESIST daher als eine Mischung aus Visual Novel und Wandersimulator vor, die sich anfühlt, als würde man nur die erzählerischen Passagen eines Nier erleben.

Im Mittelpunkt steht Watcher: ein Klon des einzigen überlebenden Menschen.

Stellt euch außerdem vor, dass dieses Abenteuer mit einem Paukenschlag beginnt, wenn die Protagonistin gleich in den ersten Sekunden diejenige ermordet, die in ihrer Welt als Allmother bekannt ist.

Hair to Hair

Es ist eine Welt nach der Ankunft der Occupants; einer außerirdischen Art, die eine Krankheit mitgebracht hat, an der fast alle Menschen gestorben sind. Nur Allmutter, eine junge Frau namens Iris, ist dagegen immun, weshalb aus den Genen ihrer Haare Nachkommen geklont werden, um das Überleben der Menschheit zu sichern.

Meist folgt man der Protagonistin per Schulterperspektive. Gelegentlich schaltet die Kamera aber auch in andere Ansichten um.

Das war vor 1000 Jahren. Inzwischen sind Allmother Iris und ihre Klone die einzigen noch lebenden Menschen – nur dass aus ihren Klonen längst eine Gesellschaft geworden ist, deren Ordnung etwas anders funktioniert als unsere. So erfüllen zentrale Mitglieder ganz bestimmte Funktionen und tragen auch deren Namen, also unter anderem Healer, Fixer, Knower oder Watcher.

Und Watcher ist die Protagonistin, mit der ihr Ereignisse in Iris‘ Vergangenheit erlebt, um vom Leben der Allmother zu berichten. Nur dass ihr dabei freilich auf Einsichten stoßt, die Watcher irgendwann zu dem erzählerisch vorbestimmten Mord verleiten.

Six to One

Wenn das schon alles wäre... Wenn ich euch nur ansatzweise beschreiben könnte, wie vielschichtig und durchdacht die Welt ist, die das kanadische Studio sunset visitor für sein erstes Spiel erdacht hat. 1000xRESIST zupft ja nicht nur an Metaphern. Es nutzt seinen futuristischen Hintergrund nicht nur als starres Matte Painting, um eine kleines intimes Drama darauf zu projizieren.

Was ihr unbedingt wissen müsst: Deutsche Texte gibt es nicht. Wer 1000xRESIST erleben will, sollte daher Englisch oder eine der anderen unterstützten Sprachen beherrschen, darunter Chinesisch. In der Konsolenfassung kommen außerdem Französisch und Koreanisch hinzu.

Sunset Visitor hat vielmehr eine komplette Welt samt eigener Mythologie und großem historischen Rucksack erschaffen, voll mit gesellschaftlichen Umwälzungen sowie natürlich auch persönlichen Schicksalen und rückt all das in den Mittelpunkt. Watcher und die Charaktere um sie herum spielen dabei stets die Hauptrollen, aber das Szenario ist eben mehr als lediglich ein Science-Fiction-Rauschen.

Ich will nur nichts davon vorwegnehmen, weil ich es selbst fantastisch fand, davon im Spiel erst zu erfahren. Zumal die Geschichte wie erwähnt das Einzige ist, von dem das Abenteuer getragen wird. Tatsächlich könnte man sie fast ausschließlich als Hörspiel erleben, da Dialoge geschätzt 98 Prozent des Ganzen ausmachen. Umso besser, dass markante Stimmen diesen Gesprächen erstaunlich viel Leben einhauchen. Wie gesagt: 1000xRESIST würde problemlos als Hörspiel durchgehen.

Als Videospiel funktioniert es hingegen deshalb so gut, da sunset visitor mit den einfachen Mitteln eines Studios, das ganz eindeutig nicht das Budget einer Triple-A-Produktion einsetzen kann, eine starke Bildsprache Wirklichkeit werden lässt. Weil die Figuren selbst in Nahaufnahme ihre Lippen nicht bewegen und Übergänge von einer Szene zur nächsten oft daraus bestehen, dass Personen nach einer kurzem Schwarzblende auf einmal verschwunden sind, anstatt in einen anderen Raum zu laufen, hat 1000xRESIST zwar immer diesen etwas müden Charme einer Visual Novel.

Dank gekonnter Kameraeinstellungen, Beleuchtung und Farben wirkt die futuristische Welt allerdings sehr plastisch. Und hin und wieder bringen auch speziell inszenierte Sequenzen die Erzählung voran. Es ist vor allem die sorgfältige Kreativität ihrer Erschaffer, die aus der kleinen Weltraumoper viel mehr macht, als man ihr auf Bildern vielleicht ansieht.

Iris' Familie spielt in den Erinnerungen eine große Rolle.

Hinzu kommen überraschende Wendungen und Entwicklungen, die ich nicht erwartet hatte, und nicht zuletzt bin ich sehr angetan davon, wie überzeugend die außerirdischen Occupants hier beschrieben werden. Alleine daraus könnte man eine starke Star-Trek-Folge stricken. (Falls Star Trek denn heute noch Interesse an solchen Folgen hätte.)

1000xRESIST ist ausschließlich digital verfügbar, wobei der Preis für die Konsolenumsetzungen zum Zeitpunkt des Tests noch nicht ersichtlich ist. Bekannt ist allerdings, dass das Spiel sowohl im Game Pass Ultimate als auch in der Premium-Version des Xbox-Game-Pass enthalten ist. Die bereits im vergangenen Jahr erschienene PC-Fassung kostet knapp 18 Euro im Epic Games Store, während auf GOG und Steam knapp 20 Euro fällig werden. Der hervorragende Soundtrack ist zudem sowohl bei Bandcamp als auch bei Steam erhältlich.
  • Epic Games Store
  • GOG
  • Steam
  • PlayStation Store
  • Xbox Store
  • Ohne also etwas zu verraten: Es geht um Religion und Gesellschaft, deren Aufbau und wie sie sich nach großen Ereignissen verändert sowie natürlich um die Menschen, die sie gestalten. Das klingt nach Fingerzeig, ist tatsächlich aber „nur“ der aufwändige Rahmen, in dem man Watcher begleitet. Letztendlich bleibt das Werten aller zentralen Entwicklungen sogar euch selbst überlassen.

    Sphere to Sphere

    Gleichzeitig muss ich an dieser Stelle aber auch erwähnen, dass die Handlung durchaus Zeit braucht, um Fahrt aufzunehmen. Hatte mich die dichte Atmosphäre sofort in ihren Bann gezogen, hätte ich nach ungefähr zweieinhalb Stunden schon beinahe einen Schlussstrich gezogen. Wieso? Weil bis dahin die vielen Dialoge mehr erklärten als erzählten und ich nicht der größte Fan davon bin, nur zum Lesen auf einen Bildschirm zu glotzen.

    Ohne etwas vom Inhalt vorwegzunehmen: Immer wieder geschehen interessante Entwicklungen oder Wendungen.

    So richtig viel passiert anfangs nämlich nicht, obwohl sich erste Konflikte schnell anbahnen. Abgesehen davon sind die Wege in der zentralen, mehrstöckigen Stadt dermaßen seltsam gebaut, dass ich dort trotz optionaler Wegpunkte und Karte mehrmals, teils ermüdend lange umher geirrt bin. Das hätte man sicherlich besser lösen können.

    Im Gegenzug gibt es hin und wieder unterhaltsame Ideen, darunter das Spielen aus einer überraschenden Perspektive, eine interessante Art der Fortbewegung oder kleine Rätsel. Die häufigste und coolste davon ist das Umschalten zwischen verschiedenen Zeitpunkten einer Erinnerung. Da steht an einem Tag zum Beispiel die Tür zu einem Raum offen, in dem an einem anderen ein wichtiges Ereignis stattfindet…

    Die zentrale Stadt ist ein überzeugender Schauplatz, aus spielerischer Sicht allerdings seltsam verwinkelt.

    … was sunset visitor nicht nur als einfaches Puzzle nutzt, sondern auf geschickte Art auch, um wichtige Ereignisse zu inszenieren. Das sind dann wieder Momente, in denen die Entwickler auf einfallsreiche Art viel mehr aus ihren einfachen Mitteln herausholen als in deutlich größeren Projekten mitunter drin steckt.

    1000xRESIST im Test – Fazit

    Aus diesen spielerischen Einfällen hätte das kanadische Studio gerne mehr machen können. Manche Wege könnten einfacher zu finden sein und der Visual-Novel-Charme etwas weniger präsent. Doch als die Geschichte nicht nur atmosphärisch, sondern vor allem erzählerisch einmal in Gang kam, hatte sie mich nicht mehr losgelassen. Selten bin ich in eine so vielschichtige und sinnige Welt abgetaucht, um Teil eines so spannenden, erfreulich wendungsreichen Abenteuers zu sein, das trotz seiner Einschränkungen mit Einfallsreichtum und kreativer Energie begeistert! Von daher bin ich sehr froh darüber, dass ich es nun doch noch kennengelernt habe und dass es jetzt auch seinen Weg auf PlayStation 5 und Xbox Series gefunden hat.

    1000xRESIST PROCONTRA
    • Fesselnde Geschichte in einer einzigartigen, vielschichtigen Welt
    • Starke, emotionale Charakterzeichnungen vor ebenso fantastischen wie alltäglichen Herausforderungen
    • Hervorragende Vertonung in Bezug auf Stimmen und Musik
    • Überraschende Entwicklungen und kleine, clevere spielerische Einfälle
    • Hin und wieder ermüdender Leerlauf und zu starre Inszenierung