007 First Light: IO Interactive wollte ursprünglich ein Ensemble-Spiel für James Bond
IO Interactive hatte ursprünglich vor, 007 First Light stärker als Ensemble-Spiel zu gestalten, als es letztendlich geworden ist. Mit anderen Worten: Im Spiel wäre es weniger um James Bond allein gegangen, sondern vielmehr um ihn und ein Team von Agenten, die zusammenarbeiten.
Achtung, es folgen Spoiler.
Die Spuren des ursprünglichen Ansatzes von IO sind in First Light noch immer spürbar, denn das britische Geheimdiensthauptquartier MI6 nimmt das Doppel-O-Programm wieder auf und rekrutiert Bond, um sich einer Gruppe anderer junger, vielversprechender Auszubildender anzuschließen. Bond fliegt nach Malta und gewinnt dort langsam das Vertrauen der anderen Auszubildenden. Er teilt sich sogar eine beneidenswert große und luftige Wohnung in London mit zwei von ihnen, Cressida und Monroe, zu denen er eine besonders enge Bindung aufbaut.
Der verworfene Fokus auf Teamwork und Kameradschaft
Und genau diese Kameradschaft – das Geplänkel und das Gefühl freundschaftlicher Rivalität – auf Malta und in London sowie bei dieser ersten Mission in der Slowakei hätte sich vermutlich durch das gesamte Spiel gezogen. Das sind Abschnitte von First Light, die bei den Spielern sehr gut angekommen sind; ich persönlich fand, dass die Agentenfreunde eine tolle Atmosphäre voller Wärme und Spaß geschaffen haben.
Doch 007 First Light zieht diesen Ansatz nicht konsequent durch. Plötzlich nimmt die Geschichte eine Wendung. “Während der Trainingssequenz machen wir ein falsches Versprechen”, erklärte mir Michael Vogt, der Lead Writer des Spiels, diese Woche im Büro von IO Interactive in Brighton. “Im Grunde sagen wir, dass dies ein Ensemble-Stück wird, in dem alle 00-Agenten zusammenarbeiten, so wie sie es in der Slowakei tun. Und dann ziehen wir dir den Boden unter den Füßen weg, wenn die meisten von ihnen sterben, und wie durch einen glücklichen Zufall ist [Bond] der Letzte, der übrig bleibt. Er hätte bei dieser Explosion sterben können, tut es aber nicht, und so tritt er als Top-Agent hervor. Aber in meinem allerersten Pitch haben wir, glaube ich, tatsächlich mit der Idee gespielt, es zu einem Ensemble-Stück zu machen, bei dem die verschiedenen Agenten zusammenarbeiten.”
Vogt konnte sich nicht erinnern, wann sich dieser Ansatz geändert hatte – der ursprüngliche Pitch fand vor sieben Jahren statt, also verzeiht ihm –, aber er erinnerte sich an den Grund dafür. “Der Handlungsstrang, dem das dient, ist natürlich, dass es für ihn zunächst nur Spaß und Spiel ist – er ist ein junger Kerl, er erlebt ein Abenteuer, reist um die Welt und spielt Geheimagent –, aber nach dieser Explosion wird ihm die härtere Realität bewusst. Als M sagte, dass die Lebenserwartung sehr gering ist, dachte er sich so: ‘Oh, stimmt.’ Er versteht es. Und daran reift er natürlich, ebenso wie an der Schuld – vielleicht der Schuld des Überlebenden –, derjenige zu sein, der es geschafft hat.”
Einfluss der Daniel-Craig-Filme und Bonds Reifeprozess
In diesem Moment wird Bond, genau wie First Light, etwas ernster. Und offenbar hatte das gesamte Spiel einst einen ernsteren Ton. Dies hing zum Teil damit zusammen, dass First Light im Zuge der Daniel-Craig-Ära der Bond-Filme entwickelt wurde, die 2021 mit dem Kinostart von No Time to Die endete – einem Film mit einem traurigen Ende. Man bedenke, dass 007 First Light vor sieben Jahren konzipiert wurde und seine Entstehungsgeschichte genau in diesen Moment des traurigen Endes gefallen wäre.
Es dauerte eine Weile, bis IO diese Denkweise ablegen und Bond für sich neu entdecken konnte. “Wir haben das Genre wahrscheinlich ganz leicht von einem eher klassischen Spionagethriller hin zu etwas verschoben, das ein bisschen mehr Action-Abenteuer ist – wir haben die Komik ein wenig verstärkt, vielleicht auch den Charme, den Funken”, sagte Vogt. “Wir wollten immer, dass es inspirierend wirkt. Er ist ein junger Mann, und was auch immer ihn im Laufe der Zeit abgestumpft haben mag – es ist ihm noch nicht passiert –, also sollte er dieses Gefühl der kindlichen Neugier und des Staunens haben, das so jung ist.”
Doch selbst nach allem, was IO’s Bond im Laufe des Spiels widerfährt, hält Vogt ihn am Ende keineswegs für abgestumpft. “Ganz und gar nicht”, versicherte er mir. “Er reift sicherlich in vielerlei Hinsicht, aber abgestumpft ist er keineswegs. Tatsächlich schafft er es im Grunde, den MI6 zu verändern – nicht umgekehrt. Er verändert die Charaktere um ihn herum. Greenway durchläuft wegen ihm einen Entwicklungsprozess. Er macht Isola gegen Ende sogar ein wenig menschlicher. Und das hat er schon immer getan. Ich sehe James Bond nicht als jemanden, der große, dramatische Wandlungen durchläuft. Er verändert sich ganz leicht und dann verändert er meistens die Menschen um ihn herum.”
Erfolgreiche Verkaufszahlen, Amazon-Rechte und kommende DLCs
Wie es mit dem James-Bond-Spiel von IO weitergeht, wissen wir noch nicht. Die durchweg positive Resonanz der Kritiker – Eurogamer.de bewertete 007: First Light mit vier Sternen– sowie 2,7 Millionen verkaufte Exemplare innerhalb einer Woche deuten stark darauf hin, dass das Spiel eine Zukunft hat. Erschwerend kommt jedoch hinzu, dass Amazon nun Eigentümer der James-Bond-Rechte ist und bei allen weiteren Entwicklungen mitreden will. 007 First Light wurde von IO Interactive im Eigenverlag veröffentlicht.
Das Studio musste zudem eine Entlassungswelle und die Schließung eines Büros hinnehmen, nachdem ein Veröffentlichungsvertrag mit Xbox für das Rollenspiel Project Fantasy gekündigt worden war. “Es gab [einen Dominoeffekt]”, sagte mir Vogt in diesem Zusammenhang. “Ich glaube, das gesamte Studio ist leider auf die eine oder andere Weise davon betroffen.”
Kurzfristig arbeitet IO Interactive an DLCs für 007 First Light, darunter ein storybasiertes Abenteuer, das “ziemlich kurz” nach den Ereignissen des Spiels spielt und uns für eine neue Mission zurück nach Aleph und zu Lenny Kravitz’ Charakter Bawma führt.









