Nach Sonys Disc-Aus: Warum Spielehistoriker vor ganz anderen Herausforderungen stehen
Kürzlich kündigte Sony Schritte an, die Produktion physischer Playstation-Datenträger einzustellen und die digitalen Stores für PS3 und PS Vita einzustellen, was bei vielen Spielern zu großer Besorgnis führte. Aus Verbrauchersicht gelten solche Maßnahmen häufig als Rückschlag für Eigentumsrechte, den Gebrauchtmarkt und die langfristige Verfügbarkeit von Spielen. Fragt man hingegen Historiker und professionelle Bewahrer von Videospielen, wird die Situation jedoch deutlich differenzierter bewertet.
Aufgabe der Spielebewahrung wird oft missverstanden
Frank Cifaldi, Direktor der Video Game History Foundation, erklärte in einer Stellungnahme auf Bluesky: „Das sind bedauerliche Nachrichten für alle, die es nach wie vor vorziehen, Spiele auf physischen Datenträgern zu kaufen.“ Er bezeichnete die Entwicklung als Belastung für Verbraucher, den Wiederverkaufsmarkt und Entwickler, die weiterhin auf physische Verkäufe angewiesen sind. Gleichzeitig betonte er jedoch, dass die Folgen für die professionelle Archivierung von Spielen geringer ausfallen könnten als viele vermuten.
Die eigentliche Aufgabe der Spielebewahrung wird seiner Meinung nach oft missverstanden. Viele Spieler setzen die Erhaltung mit der dauerhaften Spielbarkeit alter Titel gleich. Tatsächlich geht es Archiven und Museen jedoch um weit mehr als nur darum, Klassiker auch Jahrzehnte später noch starten zu können. Ein großer Teil historischer Spiele wurde bereits durch inoffizielle Kopien und Piraterie vor dem vollständigen Verschwinden bewahrt.
Hinzu kommt, dass sich die Spieleindustrie seit Jahren von physischen Datenträgern distanziert. „Tatsache ist, dass die überwiegende Mehrheit der in den letzten zwei Jahrzehnten produzierten Videospiele nicht für dedizierte Heimspielkonsolen entwickelt wurde, geschweige denn auf physischen Datenträgern veröffentlicht wurde“, so Cifaldi. Selbst bei Disc-Veröffentlichungen seien umfangreiche Day-One-Patches inzwischen die Norm. Dadurch spiegelt der Inhalt einer Disc in der Regel nicht mehr die Version wider, die Spieler letztendlich erlebt haben.
Ausschließlich digitale Spiele werfen neue Probleme auf
Museen und Forschungseinrichtungen beschäftigen sich zudem längst mit anderen Herausforderungen. Dazu gehören die Archivierung von Browsergames, die Dokumentation verschwundener Mobile-Games auf iOS und Android oder die Erfassung spezieller Nischenbereiche wie Visual Novels auf Steam. Viele dieser Titel erschienen ausschließlich digital. Wird ein solches Spiel aus dem Verkauf genommen, existiert oft keine legale Möglichkeit mehr, darauf zuzugreifen.
Besonders problematisch sei die rechtliche Lage: Kulturelle Einrichtungen kämpfen seit Jahren für Ausnahmen im US-amerikanischen DMCA-Recht, um digitale Spiele rechtssicher archivieren zu können. Ein entsprechender Vorstoß wurde jedoch 2024 nach Widerstand von Branchenverbänden wie der Entertainment Software Association abgelehnt.
Cifaldi kritisiert diese Haltung deutlich: „Was uns nach wie vor rätselhaft ist, ist die Frage, was die Branche von Einrichtungen wie der unseren erwartet, dass wir dagegen unternehmen.“ Er fordert von der ESA und den Plattformbetreibern konkrete Lösungen, die es Archiven und Museen ermöglichen, digitale Spiele legal zu sichern und für Forschungszwecke zugänglich zu machen. Denn lediglich eine Kopie eines heutigen Blockbusters wie GTA 6 herunterzuladen und zu hoffen, dass sie in 50 Jahren noch funktioniert, sei keine nachhaltige Strategie zur Bewahrung von Videospielgeschichte.









