Schön verpackt, aber innerlich leer: Bloodlines 2 vergisst im Glanz seiner Fassade, was einst den Zauber der Reihe ausmachte: Spieltiefe und den Mut, Neues zu wagen.

Sechs Jahre Entwicklung, mehrere Verschiebungen, ein Wechsel des Entwicklerteams – und nun, zwei Jahrzehnte nach dem kultigen Vorgänger, ist Bloodlines 2 tatsächlich da. Das Setting klingt vielversprechend: Eine Stadt, die im Neonlicht glüht, während ihr als uralter Vampir mit einem rätselhaften Tattoo auf der Hand und einer fremden Stimme im Kopf durch politische Intrigen und blutige Machtspiele stolpert. Storytechnisch fängt die Fortsetzung die Stimmung der Vorlage erstaunlich gut ein: melancholisch, dekadent, zerrissen.

Die Stimme in eurem Kopf gehört zu Detective Fabien – ein zynischer Typ, der aber mehr tut, als nur Sprüche zu klopfen. In Rückblenden spielt ihr ihn selbst, untersucht Tatorte und folgt Spuren einer Geschichte, die erstaunlich gut geschrieben ist. Ehrlich gesagt: Sie war das Einzige, was mich bis zum Abspann getragen hat.

Das Aussehen des Protagonisten lässt sich jederzeit im Menü anpassen. (Bloodlines 2 Review)

Die halbtote Stadt

Jede Gasse im winterlichen Seattle tropft vor Atmosphäre: Dampf steigt aus den Gullis, Menschen wühlen in Müllcontainern oder fluchen über die Kälte. Doch so stimmungsvoll das zunächst wirkt – es bleibt ein Bühnenbild. Nie entsteht das Gefühl, Teil einer pulsierenden Metropole zu sein. Passanten und Polizisten irren ziellos umher, während Autos hier nur als starre Deko existieren. Wie kann es sein, dass in einer Großstadt kein einziges Fahrzeug über den Asphalt rollt? Erschwerend kommt hinzu, dass ihr ständig stur von A nach B, dann nach C und wieder zurück nach A hetzt. Wo andere Open Worlds spontane Ereignisse oder interessante Begegnungen einstreuen, herrscht in Bloodlines 2 zwischen den Missionen absolute Langeweile.

Anfangs machen die Kämpfe noch Spaß, aber nach einigen Stunden fühlt sich alles nur noch gleich an. (Bloodlines 2 Review)

Ja, theoretisch gibt’s Nebenbeschäftigungen: Zum Beispiel Sammelobjekte, von denen manche erst mit Vampirsicht auffindbar werden, und Passanten, die ihr wahlweise anquatscht oder aussaugt, um euer Punktekonto für verschiedene Clans aufzufüllen. Praktisch aber fühlt sich Seattle an, als hätte jemand vergessen, die Stadt einzuschalten. Es ist eine Open World, die aussieht wie 2025, sich aber spielt wie 2005. Ein echter Fauxpas, wenn man bedenkt, dass ihr einen großen Teil der Spielzeit damit verbringt, durch die Stadt zu rennen. Eine Schnellreiseoption fehlt – vermutlich, weil das Spiel sonst zu schnell vorbei wäre.

Freigeschaltete Skills lassen sich im Menü auf Schnelltasten legen. (Bloodlines 2 Review)

Guter Einstieg, danach Stagnation

Dabei fängt das Spiel richtig gut an. Schon zu Beginn verfügt ihr über mächtige Fähigkeiten und schleudert Gegner mit übermenschlicher Kraft quer durch den Raum – das fühlt sich wuchtig und befriedigend an. Der Einstieg bringt euch elegant alle Grundmechaniken bei, und die ersten Minuten machen wirklich Spaß. Doch dann kommt: nichts. Ihr erlebt einen Loop aus denselben Abläufen, und das Einzige, was noch ein Gefühl von Fortschritt vermittelt, ist die Story. Zwar könnt ihr bei Vertretern verschiedener Clans zusätzliche Fähigkeiten freischalten – etwa Skills, mit denen ihr die Zeit einfriert, Gegner enthauptet oder sie mit einem Kuss betört, um sie auf eure Seite zu ziehen. Aber im Großen und Ganzen herrscht zwischen Anfang und Ende von Bloodlines 2 spielerischer Leerlauf.

Optisch gefällt die Stadt, aber sie wirkt wie eine sterile Kulisse. (Bloodlines 2 Review)

Ich habe natürlich keine Ahnung, was während der Entwicklung wirklich hinter den Kulissen passiert ist, aber Bloodlines 2 wirkt definitiv wie ein Spiel, das einmal größer gedacht war, als es am Ende geworden ist. Nach sechs Jahren Entwicklungszeit ist es verständlich, dass irgendwann jemand die Reißleine zieht und sagt: „Okay, jetzt müssen wir das Ding endlich rausbringen.“ Aber dieses Gefühl, ein unfertiges Produkt vor sich zu haben, lässt einen trotzdem nicht los. Nicht nur, weil die KI gelegentlich aussetzt oder Gegner nach ihrem Tod gern mal zuckend in Wänden hängen bleiben, sondern weil das Spiel insgesamt wirkt, als hätten seine Macher nur einen Bruchteil dessen umgesetzt, was ursprünglich geplant war.

Wie es sich für das Leben als Vampir gehört, müssen auch diverse Leute ausgesaugt werden. (Bloodlines 2 Review)

Kein würdiger Nachfolger

Nichts von dem, was den Vorgänger zu einem Meilenstein gemacht hat, ist in Bloodlines 2 wirklich zu spüren. Die Ansätze sind da, aber die Tiefe fehlt. Ja, ihr könnt in Dialogen unterschiedliche Optionen wählen, Entscheidungen treffen, Beziehungen beeinflussen und sogar den Verlauf der Geschichte verändern – doch die Konsequenzen bleiben sehr überschaubar. Während ich im grandiosen Original sofort Lust hatte, das Spiel mehrfach durchzuspielen, nur um zu sehen, wie sich Clan-Wahl und Entscheidungen auswirken, sind die Unterschiede im Nachfolger viel zu gering, um echten Wiederspielwert zu bieten.

Ihr könnt sogar Mordopfer interviewen. (Bloodlines 2 Review)

Story und Dialoge retten, was zu retten ist. Sie geben euch das Gefühl, einer großen Sache auf der Spur zu sein, und erzeugen zwischendurch echte „Mal sehen, wo das hinführt“-Momente. Schade nur, dass diese erzählerische Raffinesse am Gameplay spurlos vorbeigegangen ist. Die Kämpfe sind solide, aber nicht besonders anspruchsvoll. Wuchtige Attacken, Telekinese, Blutsaugen und Stealth greifen sauber ineinander. Das Trefferfeedback sitzt, die Fähigkeiten fühlen sich kraftvoll an und machen anfangs durchaus Laune.

Nach der Enthauptung könnt ihr Köpfe eurer Gegner per Telekinese anderen Feinden entgegenschleudern. (Bloodlines 2 Review)

Doch nach ein paar Stunden stellt sich Monotonie ein: dieselben Gegnertypen, dieselben Herausforderungen, dieselbe Abfolge aus Blocken, Ausweichen und Zuschlagen. Vampire: The Masquerade: Bloodlines 2 hat Tempo, aber keine Dynamik. Das Spiel lässt euch zwar wie einen übermächtigen Vampir auftreten – aber immer auf dieselbe Weise.

Traditionsreiche Metzgereien findet man auch in Seattle nicht mehr so häufig. (Bloodlines 2 Review)

Alibi-RPG statt ernstzunehmendes Rollenspiel

Sechs Fraktionen stehen zum Start zur Verfügung – nachdem die ursprünglich geplanten DLC-Clans nach Fanprotesten wieder ins Hauptspiel integriert wurden. Das ist löblich, aber letztlich egal, denn diese Wahl hat kaum spürbare Auswirkungen, abgesehen von ein paar unterschiedlichen Fähigkeiten. Wer das Original geliebt hat, wird vieles wiedererkennen, aber wenig wiederfühlen. Und wer ohne nostalgischen Ballast kommt, bekommt trotzdem nur ein durchwachsenes Vampir-Abenteuer mit starker Atmosphäre, aber schwachem Gameplay.

Die Dialoge sind gut geschrieben und auch die Sprecher sind hervorragend, allerdings gibt es keine deutsche Sprachausgabe. (Bloodlines 2 Review)

Geradezu lachhaft fand ich, dass ich in Bloodlines 2 zeitweise nichts anderes tat, als von einem Punkt zum nächsten zu rennen, mit NPCs zu reden und die Umgebung mit dem Fadenkreuz abzusuchen. Das verändert Form und Größe, sobald man sich einem relevanten Objekt nähert – bis ich irgendwann gar nicht mehr die Spielwelt wahrnahm, sondern nur noch das Fadenkreuz im Blick hatte, während ich die Kamera mit dem rechten Stick hin und her, rauf und runter bewegte, um zum Beispiel einen Blutfleck am Boden zu finden.

Weder Design noch Angriffsmuster der Gegner sorgen für die nötige Abwechslung. (Bloodlines 2 Review)

Zwei Herzen in einer Brust

Der Wechsel zwischen den beiden Charakteren soll eigentlich Abwechslung ins Spiel bringen, doch ich habe jedes Mal geflucht, wenn ich als Fabien unterwegs war. Während Hauptfigur Phyre riesige Sprünge vollführt, über Häuserschluchten gleitet und Wände hochrennt, klebt Fabien am Boden und bewegt sich langsamer – was bei einem Spiel mit so vielen Laufwegen ordentlich am Nervenkostüm zerrt. Zumal es abseits der Missionspunkte für Detective Fabien noch weniger zu tun gibt als für Phyre, der ja selbst schon nicht gerade mit spannenden Nebenaufgaben überhäuft wird.

Weder Design noch Angriffsmuster der Gegner sorgen für die nötige Abwechslung. (Bloodlines 2 Review)

Bloodlines 2 fühlt sich leer an – und das, was diese Leere füllt, ist bestenfalls Mittelmaß. Die Mechaniken wiederholen sich ununterbrochen, und mit jeder Stunde sinkt die Motivation ein Stück tiefer. Die meisten Nebenjobs bestehen aus Aufgaben ohne Narrativ: Töten, Einsammeln, Abliefern. Mehr ist da nicht. Die Entwickler haben sich nicht einmal die Mühe gemacht, die peinliche Simplizität der Sidequests zu kaschieren – weder mit Zwischensequenzen noch mit cleveren Puzzles. Wobei es im Spiel durchaus Rätsel gibt: Hebel, die man per Telekinese bewegt, Schalter, die Türen öffnen. Aber das passiert so selten und ist so banal, dass man sich fragt, warum man es überhaupt eingebaut hat.

Manche Finishing-Moves sind äußerst derb. Quasi "A Matsch made in Heaven." (Bloodlines 2 Review)

Vampire: Bloodlines 2 – Fazit

In der ersten halben Stunde hatte ich Spaß und mich noch gefragt, warum Bloodlines 2 überall so schlechte Bewertungen bekommt. Nach etwa drei Stunden dachte ich: Okay, das ist maximal ein Drei-Sterne-Spiel. Und nach zehn Stunden hätte ich es am liebsten deinstalliert. Das Traurige ist, dass es spielerisch so dünn ist, dass selbst die gut erzählte Story nicht mehr viel retten kann. Vom Vorgänger bleibt wirklich nur die Erzählkunst – alles andere hat Bloodlines 2 unterwegs verloren. Manchmal ist ein schwacher Schatten schlimmer als gar keiner. Vampire: The Masquerade - Bloodlines 2 - Release Trailer Der Trailer ist wirklich gut und lässt auf ein gutes Spiel schließen. (Bloodlines 2 Review)Auf YouTube ansehen Ich wollte das Spiel aber objektiv bewerten und nicht bloß mit dem Original vergleichen. Ironischerweise glaube ich, dass gerade Spielerinnen und Spieler, die den Vorgänger nicht gespielt haben, noch weniger Spaß mit Bloodlines 2 haben werden. Sie bekommen nämlich einfach nur ein höchst mittelmäßiges Spiel serviert. Ich dagegen hatte wenigstens die Hoffnung, dass irgendwann doch noch ein Funke der alten Genialität aufblitzt. Vergeblich. Vampire: The Masquerade – Bloodlines 2 PRO CONTRA
  • Gelungene Story und Dialoge
  • Wuchtige Vampirkräfte und solide Kampfmechanik
  • Gute Soundkulisse und stimmungsvolle Optik
  • Open World wirkt leer und leblos
  • Wenig spielerische Abwechslung, ständige Wiederholungen
  • Clanwahl hat kaum Einfluss auf Gameplay oder Story
  • Unfertiger Gesamteindruck