Urban Myth Dissolution Center im Test: Eine Visual Novel, die Krimifans durch Horror, Mystery, einen einzigartigen Stil überraschen wird
Ich überlege noch, ob ich ein neues Ace Attorney möchte oder ob Shu Takumi seine wohlverdiente Pause einfach genießen sollte, damit ich die Reihe so gut in Erinnerung behalte wie jetzt. In der Zwischenzeit hat der Manga-Verlag Shūeisha einen Zweig für neue Indie-Spiele aus Japan gegründet und Detektivspiel rausgebracht, das meinen Krimidurst endlich wieder stillen konnte. Es geht um das kürzlich erschienene Urban Myth Dissolution Center: Ein Mystery-Adventure, das mein Interesse spätestens nach der letzten Gamescom weckte. Nachdem ich damals zum ersten Mal in die Rolle der jungen Azami Fukurai geschlüpft war, wusste ich: Das hier ist keine 0815-Visual-Novel, sondern ein ganz besonderes Projekt.
Die junge Studentin verläuft sich ins namensgebende Zentrum und trifft gleich auf das Herz der ganzen Geschichte: Urbane Legenden. Als Azami sich nämlich auf einen Stuhl setzt, um auf den Leiter zu warten, wird sie gepikst. Verwirrt springt sie auf, denn eine urbane Legende macht in ihrer Stadt die Runde, dass es einen Stuhl gäbe, der die Person, die sich auf ihn setzt, zum Tode verflucht. Der Leiter, der mittlerweile endlich im Klassenzimmer angekommen ist, bestätigt dieses Gerücht und verspricht Azami ihren Fluch zu lösen, sobald sie herausgefunden habe, was wirklich hinter dieser Legende steckt.
Zur Hilfe erhält die verängstigte Schülerin eine Brille. Schon als kleines Kind hat sie festgestellt, dass sie Geister sehen konnte und über eine besondere Kraft verfügt. Mit der neuen Brille erkennt sie die "Geister" nun gezielt und stellt schnell fest: Diese übernatürlichen Wesen sind eigentlich Gestalten, die die Handlungen von Personen aus der Vergangenheit festhalten, wobei... Manchmal verwirrt sich auch sowas wie ein echter Geist zwischen diesen unheimlichen Figuren, aber was ich damit meine, werdet ihr wohl im Spiel selbst herausfinden müssen - jedenfalls macht das Übernatürliche die insgesamt sieben Fälle (+ Tutorial) sehr spannend!
Urban Myth Dissolution Center im Test
1 of 17 Caption Attribution Urban Myth Dissolution Center: Ein Name, den man sich nicht mal eben so merken kann.Das Urban Myth Dissolution Center ist also genau das, was der Name verspricht: Eine Einrichtung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, urbane Legenden zu finden und aufzuklären. Für beides macht ihr euch unterschiedlichste Werkzeuge zunutze. Zum Beispiel Social-Media-Foren, in denen die Nutzer über genau solche Legenden rätseln. Dabei wurden die deutschen Texte gut verständlich übersetzt, was bei vielen textbasierten Rätseln auch wichtig ist.
Die Mitarbeiterin Jasmine hilft unserer Hauptfigur, zwischen Verschwörungstheorien und echten Fakten zu unterscheiden (klingt politischer, als es im Spiel ist, ist aber ein netter Gedankenstoß). Mithilfe von Azamis Kräften könnt ihr zudem die Tatorte in Point-and-Click-Manier nach übernatürlichen Ereignissen absuchen und natürlich werdet ihr dort mit den unterschiedlichsten Figuren sprechen. Mal mit einem Streamer, der für Klicks "Bloody Mary" beschwören will und dabei ein paar ungewollte Nebeneffekte herbeiruft, mal ist es ein verfluchtes Paket, das dem Empfänger Unglück bringt. Die Fälle sind sehr unterschiedlich und die meisten bieten Wendungen, die ich nicht habe kommen sehen. Eingerahmt werden alle einzelnen Krimifälle von einer großen Erzählung, die mit dem Leiter des Dissolution Centers und einer geheimen Organisation zu tun haben soll.
Um euch selbst ein Bild davon zu machen, wie das Spiel wirkt und klingt, schaut unbedingt ins obige Video rein.
Neben den interessanten Figuren und spannenden Fällen, die auch makaber und angsteinflößend werden können, begleitet euch ein einzigartiger Pixelart-Stil: Ein interaktiver Manga mit 8-Bit-Farbpalette. Kaltes Blau färbt die Kulissen, Figuren und neutrale Instanzen, wie Social Media und euer Menü, während warme Rottöne Hinweise und übernatürliche Phänomene hervorheben. Manchmal mischt ein unidentifizierbares Gelb mit, was uns zeigt, dass wir bis zum Schluss nie wissen, wer wirklich gut und wer böse ist. Bei dem visuellen Minimalismus muss natürlich ein faszinierender Soundtrack her. Der von UMDC überraschte mich mit lauter guten Tracks und unterstrich gleichzeitig das unangenehme Gefühl bei der Geistersuche, löste die Atmosphäre aber immer wieder zur rechten Zeit mit guter Stimmung auf. Hier eine kleine Hörprobe:
Urban Myth Dissolution Center Limited Edition OST Digest Video Auf YouTube ansehenWas ich nach der Demo nicht gedacht hätte, war, dass sich die Stimmung im Laufe des Spiels tatsächlich als erstaunlich gruselig herausstellte. Das lag zum einen an den Geschehnissen selbst. Wenn die Protagonistin sich zum Beispiel vor einem potenziellen Mörder versteckt, dem die unbewaffnete Studentin schutzlos ausgeliefert wäre oder wenn eine Gruppe in einen Raum voller Gas läuft, in dem auch nur ein Funke zum sofortigen Tod führen würde, dann hat mich das richtig mitgerissen. Zum anderen wären da aber noch die gezeichneten Figuren, deren schockierte Gesichter durch die einfache Farbpalette besonders gut zum Vorschein kommen. Auch hier untermalt wieder der Soundtrack wundervoll die Stimmung.
Urban Myth Dissolution Center im Test - Fazit
Urban Myth Dissolution Center ist ein Spiel für alle, die gerne Krimis lesen. Auch wenn es spielerisch deutlich mehr bietet als Dialoge, steht viel Lesen an der Tagesordnung. Die Geschichte hat mich bisher besonders abgeholt, was wahrscheinlich daran liegt, dass es im 1980-er Japan wirklich eine Welle von Krimis über Urbane Legenden gab, an denen sich dieser Titel laut dem Global PR-Manager Tomoya Tanaka orientiert hat. Zugleich wird das Gameplay zum Ende hin ein wenig monoton, obwohl immer wieder neue Elemente in die Lösung von Rätseln fließen. Ihr bekommt hier in erster Linie gute Geschichten zum Lesen, nicht unbedingt zum aktiven Spielen. Ich konnte damit die 13 Stunden, die es mich brauchte, um sechs Fälle durchzuspielen, gut leben – viel länger hätte es aber spielerisch nicht sein dürfen. An Lesemäuse, für die es auch mal digital sein kann, gibt’s trotzdem eine dicke Empfehlung!
Wie schön, dass so ein besonderes Indie jetzt die Lücke beim Warten auf die zweite DanDaDan-Staffel, beim Hoffen auf ein neues Ace Attorney und nach dem eher mittelmäßigen neuen Teil des Famicom Detective Clubs füllen kann. Urban Myth Dissolution Center ist auf PC, Nintendo Switch und PlayStation 5 erhältlich.
Urban Myth Dissolution Center PROCONTRA- Sechs(einhalb) spannende Fälle mit unerwarteten Wendungen
- Einzigartiger Pixellook mit besonderen Farbakzenten
- Deutsche Lokalisierung, gut für die Rätsel umgesetzt
- Schauplätze sind sehr gut gewählt und sprechen einige moderne Themen an
- Soundtrack unterstreicht die Stimmung immer passend, außerdem gibt es ein paar überraschend gute Tracks mit Vocals
- Emotionen der Figuren werden super dargestellt, die Stimmung ist ebenfalls oft überraschend unheimlich
- Der Preis ist perfekt gewählt
- Die Durchsuchung von Social Media wird zum Ende zu repetitiv
- Rätsel hätten ruhig anspruchsvoller sein können
- Gameplay verlässt sich etwas zu sehr auf Gespräche









