Die Steam-Demo von SOS Incident hat mich gepackt – nicht wegen des Gameplays, sondern wegen der Vorlage. Wer den realen True-Crime-Fall kennt, wird unweigerlich von seiner düsteren Anziehungskraft erfasst.

Die Geschichte beginnt 1989 am Mount Asahi im japanischen Daisetsuzan-Nationalpark. Suchtrupps stoßen auf ein riesiges SOS-Zeichen, errichtet aus Ästen und Holzstücken. Wenig später retten sie zwei vermisste Bergsteiger. Happy End? Nicht ganz – denn die beiden Männer wissen nichts von einem SOS-Zeichen. Also geht die Suche weiter.

Bald darauf wird es makaber: Ermittler finden menschliche Überreste. Zunächst heißt es, sie stammten von einer Frau. Einige Knochen weisen Bissspuren von Tieren auf, andere Frakturen, die noch vor dem Tod entstanden sein müssen. In einem nahen Erdloch entdecken die Suchteams außerdem mehrere Audiokassetten, einen Kassettenrekorder, Amulette, Kameras, einen menschlichen Schädel und einen Führerschein. Ausgestellt ist er auf den 25-jährigen Kenji Iwamura, der seit 1985 als vermisst gilt.

Rätselhafte Schatten, die plötzlich auftauchen, sind obligarisch für dieses Genre. Verzweifelte Aufnahme

Auf den Kassetten ist vor allem Musik aus Anime-Serien zu hören – aber auch ein verzweifelter Hilferuf. Die Stimme – männlich, verängstigt: „SOS, helft mir! Ich kann mich an der Klippe nicht bewegen! SOS, helft mir! Der Ort ist dort, wo ich das erste Mal den Hubschrauber gesehen habe! Das Bambusgras ist tief, ich kann nicht aufstehen! Holt mich hier hoch!“

Waren das Kenji Iwamuras letzte Worte? Seine Eltern werden befragt, können aber nicht bestätigen, dass die Stimme auf der Aufnahme die ihres Sohnes ist. Der Fall wird noch rätselhafter, als sich herausstellt: In der Gegend wird offiziell keine Frau vermisst. 1990 räumt ein Sprecher der Asahikawa-East-Polizei ein, dass die Überreste womöglich doch männlich sind.

Es bleibt bis heute ein Cold Case – unaufgeklärt, voller offener Fragen. Jahrzehnte später greift der YouTuber Nexpo die Geschichte in einem Video auf. Fast vier Millionen Aufrufe hat der Clip inzwischen. Und genau von diesem Video ließen sich die Indie-Entwickler inspirieren, die SOS Incident entwickeln.

So spielt sich die Demo

Die Demo umfasst das erste von acht geplanten Kapiteln und ist sogar auf Deutsch lokalisiert – ungewöhnlich für ein derart kleines Studio. Gleich zu Beginn blendet das Spiel den Satz ein: „DIESES SPIEL IST LEIDER… BASIERT AUF WAHREN EREIGNISS…“ und das trübt diese positive Überraschung ein wenig.

An der deutschen Übersetzung sollte man noch feilen.

Optisch setzt SOS Incident auf eine gezielte Retro-Ästhetik: Low-Poly-Modelle, grobe Texturen, ein Look wie auf der ersten PlayStation. Sound und Beleuchtung hingegen wirken moderner und atmosphärisch dichter. Spielerisch beginnt es wie ein klassischer Horror-Walking-Simulator, der euch immer wieder durch subtile Tricks verunsichert: Ihr hört ein Geräusch, dreht euch um – und wenn ihr euch wieder nach vorne wendet, ist die Umgebung plötzlich völlig verändert. Statt einer Wand steht ihr mitten im Wald und solche Sachen eben.

Spannend ist der Perspektivwechsel: Mal streift ihr als Wanderer durch die Wildnis, mal gehört ihr zum Suchteam. Im Helikopter bedient ihr den Suchscheinwerfer, übernehmt kurz selbst das Steuer – kein komplexer Flugsimulator, sondern ein kleines Geschicklichkeits-Mini-Game. Nett gemacht und vor allem eine gelungene Möglichkeit, das Geschehen aus verschiedenen Blickwinkeln zu erleben.

Style over Substance?

Rein spielmechanisch betritt SOS Incident kein Neuland. Die Demo liefert solide Kost: simple Aufgaben, kurze Interaktionen, ein paar Geschicklichkeitsmomente. Nichts, was Genrefans überrascht oder fordert. Das Spiel lebt wohl eher von der Geschichte, die darunter pulsiert. Der Bezug zum realen, bis heute ungeklärten Fall schürt die Erwartung, dass spätere Kapitel vielleicht Puzzleteile liefern, die das Rätsel zumindest fiktional auflösen.

Die zwei Vermissten, von denen man dachte, sie hätten das SOS-Zeichen gebaut.

Gerade wer sich mit dem wahren Fall beschäftigt oder Nexpos YouTube-Video gesehen hat, spürt diese unterschwellige Sogwirkung: das Bedürfnis, tiefer einzutauchen, jeden Hinweis zu deuten, jedes Detail mit dem realen Fall abzugleichen.

Kurzum: Das Gameplay selbst hat mich nicht vom Hocker gerissen. Doch die Geschichte dahinter sitzt. Und genau deshalb will ich wissen, was in den nächsten Kapiteln passiert – in der Hoffnung, dass das Spiel den Nebel über Mount Asahi zumindest ein Stück weit lichtet. Ich hoffe außerdem, dass die Vollversion – anders als die Demo – die Steuerung per Controller unterstützt.