Skate Story im Test: Für alle, die eigentlich keine Skateboard-Spiele mögen
Manche Spiele sind in zwei Sätzen erklärt, aber Skate Story gehört nicht dazu. Ihr spielt einen Typen, der in der Unterwelt dem Teufel seine Seele überschreibt, nur um dafür den Mond aufessen zu dürfen. Auf eurer psychedelischen Reise trefft ihr schräge Gestalten: zum Beispiel einen sprechenden Hasen, mies gelaunte Müllsäcke oder philosophierende Schädel, die euch Sidequests reindrücken. Bewaffnet seid ihr nicht mit Schwert oder Schrotflinte, sondern mit einem Skateboard. Und fast hätte ich das Wichtigste vergessen: Euer Körper besteht aus Glas, also genau dem Material, das am wenigsten verzeiht, wenn waghalsige Tricks und Sprünge missglücken.
Was kann da schon schief gehen? Eine zersplitterbare Seele auf vier Rollen, gefangen in einer Hölle, die eher wie eine heruntergekommene Metropole wirkt als wie das Fegefeuer aus dem Religionsunterricht. Waschsalons, U-Bahnhöfe, Cafés, dazwischen jede Menge kleiner Aufgaben und Kreaturen, die irgendwo zwischen Alltagsfrust und tiefenpsychologischer Symbolik pendeln. Die einzelnen Kapitel werden von kurzen Gedichtfragmenten eingerahmt, dazwischen brüllt euch das System immer wieder an, mit dem Skaten aufzuhören. Aber ihr macht trotzdem weiter, weil Skaten nun mal das Einzige ist, was ihr könnt.
Strukturiertes Chaos
Die Hölle wirkt nur auf den ersten Blick chaotisch, denn die einzelnen Ebenen folgen zumeist einer klaren Routine: Am Anfang steht ein offener Mini-Hub, also ein Abschnitt, in dem ihr euch frei bewegt und für die Unterweltbewohner kleinere Aufgaben erledigt. Danach folgt ein geradliniger Run, in dem ihr mit Tempo durch enge Höllenkorridore jagt, Hindernisse überspringt oder Tore aktiviert. Am Ende jeder Ebene wartet ein Bosskampf, bei dem ihr mit fetten Combos Stück für Stück den Lebensbalken eures Kontrahenten herunterraspelt.
Es ist ein wirklich cooles Konzept, gerade für mich, der nach vielen Jahren mit Tony Hawk und Co. eigentlich keinen Bock mehr auf Rollbrettspiele hat. Klar, auch hier geht es primär ums Skaten, aber die abgefahrene Präsentation und die Tatsache, dass ihr Lebensleisten durch coole Tricks schrumpfen lasst, geben Skate Story einen sehr eigenen Vibe.
Euer Wunsch ist mir Befehl. (Skate Story Test)Ehrlich gesagt hat mir das Spiel am Anfang trotzdem nicht besonders gefallen. Das audiovisuelle Dauerfeuer hat mich eher überfordert und mein erster Hub – diese erste Oberwelt, oder wie auch immer man sie nennen möchte – hat mir mit ihren vielen Bordsteinkanten und Hürden ständig den Flow zerschossen. Die Hubs sind deutlich kleiner als die Levels in Tony Hawk’s Pro Skater und dafür viel dichter mit Objekten vollgestellt. Kurz: In der ersten Spielstunde kann es ziemlich frustig werden, weil ihr immer wieder aneckt oder eurer Glaskörper gleich in tausend Stücke zerbröselt.
Bei vielen Hürden und Objekten ist sofort klar, was ihr mit oder auf ihnen anstellen sollt, andere bleiben zunächst kryptisch: Da müsst ihr erst mit einer bestimmten Figur sprechen oder etwas aktivieren, bevor sie ihr Geheimnis preisgeben.
Skate Story | OUT DECEMBER 8 🛹 Ich hatte Probleme damit, dieses einzigartige Spiel in Worte zu fassen. Der Trailer zeigt aber alles, was ihr wissen müsst. (Skate Story Test)Auf YouTube ansehenIt’s tricky
Fast alle Aufgaben fordern eure Skateskills heraus, aber es gibt auch simplere Fetch-Quests oder „Folge Objekt X bis Punkt Y“-Aufgaben. Die meiste Zeit jongliert ihr mit Manuals, Grinds, dem guten alten Ollie und verschiedenen Flip-Varianten, oft in Kombination. Mit der Zeit werden die Challenges deutlich anspruchsvoller, aber so richtig frustig wird es nie, auch weil ihr im Optionsmenü diverse Hilfen aktivieren könnt, die sich schon fast wie Cheating anfühlen. So lässt sich etwa eure Lebensleiste massiv nach oben schrauben, bis ihr praktisch unsterblich durch die Runs brettert. Andere Optionen nehmen zusätzlich Druck aus dem Kessel, wenn ihr euch lieber auf den Flow konzentrieren wollt statt auf die Angst vor dem nächsten Glasbruch.
Und auch wenn es nach Style over Substance aussieht, ist Skate Story definitiv anspruchsvoll. Keine trockene Sim-Pedanterie, eher ein Mittelweg: nicht zu frickelig, aber eindeutig auf Präzision und Timing ausgelegt. Das Spiel bringt euch die gesamte Trickpalette Schritt für Schritt bei, führt neue Moves sehr dosiert ein und zieht die Komplexität stetig an, bis ihr Nollies, Reverts und längere Kombos irgendwann fast per Autopilot raushaut.
Skate Story ist ein Spiel, das den Einsatz bewusstseinserweiternder Drogen überflüssig macht.(Skate Story Test)Cooles Detail: Am Ende einer Combo könnt ihr einen Stampfer ausführen, der wie ein Finisher fumktioniert. Je länger und anspruchsvoller eure Combo war, desto mehr Schaden verursacht dieser Stomp. Das Spiel zwingt euch also ständig, Risiko und Sicherheit abzuwägen: Combo beenden und den Schaden sichern oder noch ein paar Tricks dranhängen und hoffen, dass ihr euch dabei nicht auf die Nase legt und der Kombozähler in den Keller rasselt.
Das Punktesystem ist glücklicherweise sehr fair: Der Zähler fällt nicht sofort auf null, wenn ihr einmal versagt, sondern blutet langsam aus. Sobald euer Score zu rieseln beginnt, stoppt ein weiterer Trick den Verlust und knüpft wieder an. Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied. Genau deshalb solltet ihr Skate Story nicht wie Tony Hawk spielen, wo man jede Millisekunde panisch mit irgendeinem Trick füllt, nur um die Combo nicht zu killen. Skate Story lässt euch Luft zum Atmen und will euch in einen Flow-State versetzen, in diesen Zustand, an dem das Hirn auf Durchzug schaltet und ihr mit dem Spiel verschmelzt.
Mindf*ck par excellence
Es ist aber nicht die Skate-Mechanik, die dieses Spiel so besonders macht. Die Einzigartigkeit von Skate Story entsteht vor allem durch seine irre Präsentation, die von Grafik, Sound und Erzählung getragen wird. Während ihr euch die Seele aus dem Leib skatet, explodiert die Umgebung in psychedelischen Mustern, die Zeit verlangsamt sich bei Ollies, und Partikel regnen in allen Farben, als würden eure Flip-Tricks kurz Fenster in andere Dimensionen aufstoßen. Kein Witz: Dieses Effektfeuerwerk macht es fast unmöglich, Screenshots anzufertigen, auf denen man überhaupt noch irgendetwas erkennt.
So wie dem Würfel geht es mir immer auf Familienfeierlichkeiten.(Skate Story Test)Und die Erzählung ist eine Mischung aus poetischer Sozialkritik, Irrsinn und Verzweiflung, immer hart an der Grenze zum völligen Nonsens. Immer wieder ertappt man sich dabei, zu kichern, weil völlig unklar ist, ob man gerade einen genialen Witz verpasst oder einfach einer Wahnvorstellung beim Entgleisen zuschaut. Skate Story fühlt sich an, als würde es einem mit Absicht einen Knoten ins Hirn drehen, nur damit man endlich aufhört, alles zu durchdenken – und sich einfach auf den Trip einlässt. Sicher ist nur eins: Diese Hölle weist verdächtig viele Parallelen zu unserer Gesellschaft auf.
Akustisch ist Skate Story ein absolutes Brett und das liegt vor allem an der Musik von Blood Cultures und John Fio: mal wummernde Synth-Bedrohung, mal fragile Melancholie, mal entfesselte Crescendi, bei denen die Umgebungsbeleuchtung wie eine Lichtorgel mitgeht. Ich zocke seit über 40 Jahren und habe in meinem Leben genau zwei Spielesoundtracks gekauft: Front Mission Alternative und Arctic Eggs. Mit Skate Story kommt jetzt Nummer drei dazu. Einige Tracks haben mich so erwischt, dass ich sie im Alltag höre, obwohl ich diese Art Musik sonst eigentlich meide.
Die Hölle wirkt wie eine heruntergekommene Metropole.(Skate Story Test)Fazit Skate Story Test:
Skate Story ist ein Rausch. Nach ein paar Minuten gleitet ihr wie in Trance durch diese Höllenwelt, während Polygone, Partikel und Effekte so aufeinanderprallen, dass man irgendwann vergisst, dass hier eigentlich ein Skateboard-Spiel drunterliegt. Stellenweise fühlte ich mich an Tempest 2000 von Jeff Minter erinnert: ein Strudel aus Licht und Sound, der euch einsaugt und die vollen acht Stunden bis zum Finale nicht mehr loslässt.
Umso härter der Bruch in den offenen Hubs, in denen ich ständig auf dem Boden der Tatsachen lande: Viele Aufgaben sind lästiges Füllmaterial, das ich möglichst schnell abhaken möchte, um endlich wieder Kreaturen der Hölle zu pulverisieren. Dass die Kamera in High-Speed-Passagen manchmal versagt und die Übersicht flöten geht, ist auch nicht so schön. Und manche Dialoge wirken bemüht gaga, so als wollte man crazy sein, um des Crazy-Seins willen. Wenn ihr aber etwas für Spiele übrig habt, die das Gehirn durch den Fleischwolf drehen und bei denen jede Epilepsie-Warnung wie Understatement klingt, dann solltet ihr Skate Story unbedingt ausprobieren.
Skate Story PROCONTRA- Sehr gutes Fahrgefühl und überraschend tiefes Tricksystem
- Zeigt eindrucksvoll, dass Games eine wichtige Kunstform sind
- Einzigartige Grafik mit berauschenden Effekten
- Hervorragender Soundtrack, der perfekt zum Gameplay passt
- Die offenen Hubs sind spielerisch nicht ganz so spannend
- Kamera lässt in engen High-Speed-Passagen die Übersicht vermissen
- Schießt erzählerisch manchmal über das Ziel hinaus und wird zu crazy









