Hervorragend spielbarer Plattformer mit vielseitiger Action, der aufmerksames Entdecken belohnt. Segas Ninja meldet sich mit einem schwungvollen Abenteuer zurück!

So kann man sich irren. Ich jedenfalls. Denn als Sega vor zwei Jahren angekündigt hat, dass eine Reihe alter Serien zurückkehren sollten, hatte ich nicht damit gerechnet, dass ausgerechnet der altmodische Plattformer Shinobi: Art of Vengeance so gut sein würde!

Schon das Anspielen vor einem knappen Monat hatte mich überrascht. Das kam kurz vor der Veröffentlichung von Ninja Gaiden: Ragebound, das spielerisch und erzählerisch dem neuen Shinobi ja sehr ähnlich ist. Und schon damals war ich überzeugt davon, dass Segas Ninja die Nase vorn hat, weil das Kampfsystem vielseitiger ist, die Akrobatik abwechslungsreicher und das Leveldesign deutlich stärker zum Erkunden anspornt.

Nun… daran hat sich auch nach dem finalen Kampf nichts geändert. Shinobi: Art of Vengeance ist ein packender, teils prachtvoll gezeichneter Action-Plattformer mit einem verdammt guten Soundtrack – komponiert von Tee Lopes (Sonic Mania, Penny's Big Breakaway) und niemand Geringerem als Yuzo Koshiro, der bereits früher Musik für die Shinobi-Serie geschrieben und zuletzt unter anderem an Metaphor: ReFantazio sowie Streets of Rage 4 gearbeitet hat.

Vor allem in Sachen Action überzeugt das neue Shinobi. Genau darum geht's schließlich.

Moment, klingelt da was? Stimmt: Das französische Studio Lizardcube hatte nach Wonder Boy: The Dragon’s Trap auch schon das vierte Streets of Rage entwickelt. Mit neuen alten Plattformern kennt man sich dort also aus. Von daher wundert es mich kein bisschen, dass dieser hier – mit ein paar Abstrichen – so hervorragend gelungen ist.

Und gelungen ist er deshalb, weil man mit vielen coolen Kombos und Aktionen hantiert, um sehr verschiedene Gegner zu bekämpfen. Leichte und schwere Angriffe, klar. Aber auch aus der Luft in Richtung Boden gesprungene Kicks, denen man ein wirbelndes Katana folgen lässt. Kicks nach einer Ausweichrolle, um Schilde zu schwächen, oder nach einem Dash, um die Kombo zu verlängern und sie mit dem Werfen mehrerer Wurfmesser schließlich zu beenden.

Einiges davon steht erst zur Verfügung, nachdem man es gekauft hat – gut deshalb, dass man bei besiegten Gegnern und in versteckten Kisten Gold findet. Außerdem braucht man noch besser versteckte Relikte, damit der Shop den Großteil dieser Fähigkeiten überhaupt erst anbietet.

Besondere Herausforderungen, wie hier ein Kampf gegen eins der Elite-Squads (zu erkennen an den roten Schädeln), locken mit besonderen Belohnungen.

Und das ist längst nicht alles, was zum Erkunden der durchaus geradlinigen Levels mit ihren dennoch zahlreichen und mal mehr, mal weniger versteckten Abzweigungen einlädt. Zusätzlich findet man nämlich so genannte Ninpo: Das sind Fähigkeiten, mit denen Meister-Shinobi Joe Musashi Feuer speit, Angriffe blockt, eine riesige Schlange für einen mächtigen Schlag beschwört und mehr.

Für die Ninpo findet man außerdem Modifikatoren, während sich in mancher Kiste auch passive Verstärker befinden, die immer dann aktiv werden, sobald der Kombozähler eine bestimmte Höhe erreicht hat. Nicht zuletzt verfügt Joe über Spezialaktionen, die er erst aufladen muss, bevor sie ihm auf Knopfdruck eine besonders starke Aktion ermöglichen. Unter anderem heilt er sich damit oder fügt allen Gegnern großen Schaden zu.

Und vieles davon erhält man eben nur, wenn man genau hinschaut, in einer besonders vertrackten Dimension geschickt klettert oder Gruppen relativ starker Gegner besiegt, Elite-Squads genannt.

So ist es!

Warum ich das alles aufzähle? Um unter anderen zu verdeutlich, wie vielseitig die Möglichkeiten sind, die einem als Joe Musashi zur Verfügung stehen. Es ist ja nicht so, dass bei einigen der Gegner nur bestimmte Aktionen Erfolg haben. Natürlich gibt es welche mit Schild, die nur an ihrer Rückseite verwundbar sind. Manchen Angriffen muss man zudem ausweichen, weil Joe nicht durch sie hindurch dashen kann.

Shinobi: Art of Vengeance ist für knapp 30 Euro in den Stores der jeweiligen Plattform-Betreiber erhältlich. Zusätzlich gibt es eine Deluxe Edition, mit der man ab 26. August, also drei Tage vor dem offiziellen Release schon spielen kann. Die enthält außerdem ein Kostüm für Joe Musashi, ein wenig Gold zum Kaufen ungefähr einer Fähigkeit, ein heilsames Amulett sowie den Soundtrack und ein digitales Art Book. Zehn Euro mehr müsstet ihr für diese Version bezahlen. Zusätzlich erscheint Shinobi für PlayStation 5, PC und Switch im Handel, wobei die PC- und Switch-Fassungen lediglich den Download-Code enthalten. Dafür ist die PS5-Version ungefähr zehn Euro teurer. Etwas gediegener fallen die über Limited Run veröffentlichten Ausgaben aus, wo es eine Classic Edition im Stil früherer Mega-Drive-Packungen gibt sowie eine später kommende Collector’s Edition. Letztere enthält neben einer Musashi-Figur auch eine Steelbook-Hülle, den Soundtrack sowie das Art Book in CD- beziehungsweise Buchform und eine neue Ausgabe von Segas Visions-Magazin.
  • Limited Run
  • Saturn
  • Steam
  • PlayStation-Store
  • Xbox-Store
  • Alles in allem liegt der Schwerpunkt aber darauf, dass man den Kampf mit einigen oder allen diesen Mitteln so gestaltet, wie einem das am liebsten ist. Dazu trägt auch bei, dass man nur vier on acht Ninpo ausrüsten kann sowie gerade mal einen ihrer Modifikatoren und auch nur einen Kombo-Verstärker.

    Ganz wichtig dabei: Die Gegner verfügen nicht nur über Lebensleisten, sondern auch eine Art Widerstand. Und ist der gebrochen, kann man sie mit einem besonderen Move „exekutieren“, wodurch sie zusätzliches Gold fallenlassen sowie ein wenig Gesundheit und neue Wurfmesser. Gelingt das mit mehreren Feinden zur gleichen Zeit, ist die Ausbeute sogar noch größer. Und diese taktische Verspieltheit fühlt sich verdammt gut an!

    Das Springen und Klettern ist motivierend, auch wenn ihm in späteren Abschnitten die Präzision darauf spezialisierter Spiele fehlt.

    Das Clevere am Kampfsystem ist auch, wie Lizardcube die in den Vorgängern oft übermäßig starken Wurfmesser nutzt. Denn die sind nach wie vor sehr mächtig – nur als reine Schusswaffe sind sie im großen Stil kaum zu gebrauchen. Sie tragen hingegen viel zum Brechen des Widerstands bei und dienen wie erwähnt als Abschluss einer starken Kombo. Damit sind sie sinnvoll eingebunden, ohne als Primärwaffe infrage zu kommen. Das nenne ich geschicktes Spieldesign.

    Da man nicht immer genau erkennt, wo sich Joe in einem größeren Getümmel gerade befindet, lässt die Lesbarkeit der Action manchmal zwar zu wünschen übrig, alles in allem hatte ich durchgehend aber viel Spaß damit. Zumal auch eine Reihe an Verfolgungsjagden zur Abwechslung beitragen – die aus spielerischer Sicht nicht der Weisheit letzter Schluss sind, aber dem Abenteuer ein wenig Schwung verleihen, weil sie die Dringlichkeit von Joes Feldzug unterstreichen.

    Ich hatte das noch gar nicht erwähnt: Lord Ruse hat mit seiner ENE Corp ja Joe Musashis Dorf ausgeräuchert und fast alle Bewohner in Stein verwandelt. Also macht sich der Ninja-Meister mit Rachegelüsten auf den Weg um gefühlt die halbe Welt und darüberhinaus.

    Auch die Kulissen sind Lizardcube dabei gelungen, wenn sich die Dächer einer verregneten Metropole mit hohen, in roten Wüstensand geschlagenen Mauern und den stählernen Wänden eines futuristischen Labors abwechseln. Immerhin vereint Shinobi auch diesmal japanische Mythologie und Kampfkunstkultur mit einer dezent dystopischen Zukunft.

    Fluchtsequenzen wie die auf dem Rücken eines Wolfs lockern das Abenteuer immer wieder auf. Cool übrigens, wie sich im Hintergrund oft Ereignisse abspielen. Schaut mal auf den Giganten, der da durch die Gegend latscht.

    Nur zum Ende hin wurde ich mancher Abschnitte ein wenig überdrüssig. In einigen der optionalen Herausforderungen gibt es nämlich akrobatische Einlagen, in denen die Steuerung und Logik des Hüpfens und Springens nicht so gut funktioniert, dass man eigentlich beherrschbare Abschnitte zuverlässig reproduzieren könnte.

    Außerdem muss ich sagen, dass die Abwechslung in Sachen Action zum Ende hin etwas ausdünnt. Den meisten Bossen fällt irgendwann kaum was Neues ein und auch die Gegnergruppen bieten nur noch wenig Überraschendes. Symptomatisch dafür sind fliegende… Dinge, die alle paar Sekunden einen Schuss abgeben. Das wirkt, als hätte Lizardcube recht verzweifelt nach einer neuen Herausforderung gesucht, die anders nicht mehr ins Level- oder das Design neuer Kreaturen gepasst hatte.

    Das Artdesign ist eine der großen Stärken des Spiels.

    Im Gegenzug schaltet man nach dem Durchspielen Herausforderungen frei, mit denen man zum Beispiel hintereinander nur gegen die Bosse kämpft, sowie einen Arcade-Modus, in dem man in einzelnen Levels um eine möglichste hohe Punktzahl spielt.

    Abgesehen davon lässt sich der Schwierigkeitsgrad nicht nur in drei Stufen regeln, sondern über mehrere Einstellungen auch an individuelle Vorlieben anpassen. Ach, und was für mich ungemein wichtig war: Das neue Shinobi läuft absolut einwandfrei und erfreulich akkuschonend auf Steam Deck. Tatsächlich habe ich es den Großteil meiner 20 Stunden mobil gespielt – so gut bin ich selten von und zur gamescom gefahren!

    Shinobi: Art of Vengeance im Test – Fazit

    Denn fast jede Minute dieser Zeit war ein Genuss. Shinobi: Art of Vengeance fühlt sich fantastisch an, lässt mich taktisch vielseitige Kämpfe frei gestalten und spornt noch dazu zum aufmerksamen Erkunden an. Zum Ende hin kann es die hohe Klasse der ersten Stunden zwar nicht ganz halten, dafür sprintet, springt und schlägt man sich bis zuletzt durch ein abwechslungsreiches, angenehm schickes und erfreulich schwungvolles Abenteuer, mit dem sich Segas namhafter Ninja eindrucksvoll zurückmeldet!

    Shinobi: Art of Vengeance PROCONTRA
    • Taktisch vielseitige, fordernde Action
    • Relativ freies Einstellen des Charakters
    • Sinnvolle Belohnungen laden zum aufmerksamen Erkunden und zu optionalen Herausforderungen ein
    • Schickes Artdesign und schwungvoller Soundtrack
    • Genaues Einstellen des Schwierigkeitsgrads
    • Gegen Ende fallen Ungenauigkeiten in der Akrobatik stärker auf und es schleicht sich etwas Monotonie ein
    • Lesbarkeit des Geschehens könnte stellenweise besser sein