Auch wenn im Moment natürlich Nintendo sowie das Summer Game Fest Schlagzeilen machen: Für mich stehen dieser Tage weder die zweite Switch noch das neunte große Mario Kart im Vordergrund, sondern ein Spiel, das seit fast zehn Jahren schon einen Großteil meines Alltags in Beschlag nimmt: Rainbow Six Siege.

Ubisoft schaltet einen Gang nach oben

Wobei das im Moment unter anderem daran liegt, dass der Shooter gerade ein Update erhalten hat, als Startschuss in die nächste Dekade dient und aus einfach nur Siege zumindest vorübergehend Siege X macht. Immerhin wird damit nicht nur die Grafik überarbeitet, während neue zerstörbare Elemente hinzukommen. Siege X ist als Free-to-access-Titel auch grundsätzlich kostenlos spielbar.

Sogar ein komplett neuer Spielmodus kommt hinzu: Dual Front, in dem man etwas stressfreier als im normalen Fünf-gegen-Fünf auf einer großen Karte unterwegs ist, um wechselnde Ziele anzugreifen beziehungsweise zu verteidigen. Wer hier stirbt, muss nicht bis zum Ende der Runde warten, sondern kehrt nach einer kurzen Pause wieder ins Gefecht zurück, während auch die Erhöhung auf sechs Teammitglieder das Stresslevel ein wenig senken soll, weil weniger Verantwortung auf einzelnen Schultern liegt.

Wart ihr schon immer an dem taktisch anspruchsvollen Shooter interessiert und habt euch nur nicht heran getraut? Vielleicht gebt ihr ihm damit ja endlich eine Chance. Denn auch nach bald zehn Jahren ist Rainbow Six Siege noch immer das Beste, was man im Bereich der kompetitiven Shooter spielen kann. Daran gibt es für mich jedenfalls nicht den geringsten Zweifel.

Der neue Modus Dual Front kommt mit der bisher größten Map daher: Sechs Spieler laufen dort zu wechselnden Zielen.

Klar: Da gibt es Counter-Strike sowie das artverwandte Valorant. Da sind die futuristisch angehauchten Quake Champions und Overwatch. The Finals beherrscht ebenfalls ein exzellentes Teamplay und vergessen darf man auch nicht die zahlreichen mal mehr, mal weniger simulativen Militär-Shooter.

Und alle haben ihre Stärken und Schwächen. Mag also sein, dass Rainbow Six Siege nicht alleine an der Spitze steht. Es definiert aber einen Bereich davon, an den sich kein anderes Spiel auch nur annähernd herantraut hat – was sicherlich auch daran liegt, dass Creative Director Alexander Karpazis das Erschaffen eines solchen Spiels mir gegenüber mal mit einem unterstützenden Nicken und den folgenden Worten beschrieben hat: „Es ist wirklich schwer!“

Woraufhin ich mir denke, dass sich der Aufwand immerhin mehr als gelohnt hat. Nehmt nur die letzten Momente einer Runde, wenn man als letzter Angreifer mal wieder vor den Räumen steht, in denen sich die Verteidiger verschanzt haben, man aber nicht genau weiß, in welcher Ecke sie stecken. Zum einen muss man dann natürlich aufpassen, dass ein Gegner nicht quer durchs Haus geschlichen ist, um heimlich hinter einer unerwarteten Ecke hervorzukommen.

Erstens: Wer weiß, woher ein Gegner kommt, ist klar im Vorteil. Und zweitens: Mit einem Schuss durchs Holz ist der Geschichte, bevor er seinen Tod kommen sieht.

Wie gut man die Feinde hört, spielt schließlich eine große Rolle, und wer unbemerkt irgendwo auftauchen kann, hat logischerweise einen riesigen Vorteil. Mit gespitzten Ohren läuft oder schleicht man also in den finalen Sekunden oft um das Ziel. Hat man womöglich Pech und die Angreifer haben mit den Kolben ihrer Waffen kleine Löcher in Holzwände geschlagen, die man oft so spät erst sieht, dass sie den ersten Schuss abfeuern, bevor man reagieren kann?

Kopftreffer sind in Rainbow Six Siege ja tödlich. Immer. Ohne Ausnahme. Und das alleine sorgt für eine Spannung, die man als Kugelschwamm in anderen Spielen nie erfahren wird. Wobei es nicht nur kleine Löcher sind, mit denen man an etlichen Stellen beliebig große Durchbrüche und damit Situationen erschafft, die das andere Team vor unerwartete Herausforderungen stellen.

Ganz schön kaputt

Denn das betrifft nicht nur die Wände; auch Decken und Böden sind zumindest so weit zerstörbar, dass man einen Raum mitunter von dem darüber oder dem darunter aus verteidigen kann, während das umgekehrt auch für die Angreifer gilt. Selbstverständlich gibt es längst bewährte Taktiken, doch grundsätzlich sind die Möglichkeiten so vielfältig, dass man im Grunde mit jeder Partie etwas Neues versuchen kann.

Gerade in diesen letzten Augenblicken kann eine clevere Idee das Zünglein an der Waage sein. Vielleicht hat man ja noch eine Sprengladung übrig, die selbst in verstärkte Wände Löcher reißt. Zündet man die, während man im selben Moment durch eine weit davon entfernte Tür läuft, erwischt man die Verteidiger vielleicht auf dem falschen Fuß…

Neue Interaktionen verstärken das kreative Spiel mit der Zerstörung. Aufklärung und Einfallsreichtum stehen bei Rainbow Six Siege im Fokus.

Einer der Charaktere kann auch kleine Sprengladungen in angrenzende Räume schießen, um Gegner aus ihren Verstecken zu treiben. Es gibt Charaktere, die mit Schilden vorrücken, sodass sie nicht ohne Weiteres getroffen werden können. Oder aber man fährt mit einer kleinen Drohne umher – nicht um Aufklärung zu betreiben, was der eigentliche Nutzen davon ist, sondern um die Aufmerksamkeit der Gegner auf den falschen Eingang zu ziehen.

Kopf statt Zeigefinger

Wie gesagt: Vieles davon wurde oft probiert, etliche Taktiken sind lange etabliert. Und trotzdem erlebe ich auch nach zehn Jahren Situationen, die ich so noch nicht gesehen habe.

Das ist der Grund, aus dem Rainbow Six Siege nach wie vor zur Speerspitze dessen gehört, was man online spielen kann: Man muss nicht die beste Schütze mit der kürzesten Reaktionszeit sein. Man muss vor allem seinen Kopf benutzen. Denn die besten Siege erzielt man immer dann, wenn man diese entscheidende Idee gerissener ist als der letzte Gegner.