Sollte ich mich in den Hintern beißen oder froh darüber sein, dass ich Le Mans Ultimate erst jetzt für mich entdeckt habe? Ich hatte die Simulation schon seit ihrer Veröffentlichung auf dem Kieker, das Spiel samt Season Pass aber erst gekauft, nachdem ein Freund kurz vorm Jahreswechsel so davon geschwärmt hat, dass ich mich endlich dort hinters Lenkrad geklemmt habe. Der Rest ist Rennspielgeschichte.

Gut, nur meine kleine eigene – ich will’s nicht übertreiben. In der nimmt Le Mans Ultimate aber deshalb einen besonderen Platz ein, weil es sich noch nie dermaßen gut angefühlt hat, eine dieser realitätsnahen Simulationen zu fahren. Denn was Le Mans Ultimate an Feedback gibt, lässt genau erkennen, was das Auto gerade macht, während jede Eingabe nicht nur korrekt, sondern auch auf nachvollziehbare Art aufs Fahrwerk übertragen wird.

Wie man spürt, dass der Grip verlorengeht, wenn man über eine Kuppe durch eine Kurve beschleunigt, und wie der Wagen nach einer übersprungenen Bodenwelle wieder in den Asphalt beißt… In keinem Videospiel war diese Verbindung von virtuellem Fahrzeug und Hobbyfahrer je stärker!

Das steckt drin

Aber lasst mich erst mal einen Schritt zurück machen: Wo und womit geht man hier eigentlich an den Start? Es handelt sich um die Langstreckenmeisterschaft der FIA (WEC) einschließlich des 24-Stunden-Rennens in Le Mans – doch was genau bedeutet das? Nun, zunächst einmal ist die Simulation mit den Inhalten der Saison 2023 gestartet, weshalb sich neben einigen LMP2-Wagen und Hypercars auch GTE-Fahrzeuge auf in Spa, Monza, Portimao, Sebring, Bahrain, Fuji und natürlich Le Mans tummeln.

In den folgenden Monaten kam über die im Season Pass enthalten DLC-Pakete die für die Serie modifizierte GT3-Klasse der 24-er Saison dazu sowie der Asphalt von Austin, Interlagos und Imola. Und vielleicht war es genau deshalb ein Segen, dass ich erst vor kurzem gestartet bin. Denn wenn ihr mich fragt, stecken spätestens damit mehr als genug Inhalte im Spiel. Ähnlich wie Assetto Corsa Competizione ist Le Mans Ultimate sicherlich eine recht fokussierte Simulation, das lässt sich nicht bestreiten. Sie ist mit dem Season Pass aber umfangreich genug, dass ich mich gut darin aufgehoben fühle.

Und man könnte durchaus argumentieren, dass das auch ohne Saisonticket der Fall ist, weil man selbst dann in einem der LMGT3 Platz nehmen kann, wenn man auf jeden kostenpflichtigen Downloadinhalt verzichtet. Den McLaren 720S LMGT3 Evo stellen die Entwickler (übrigens keine Geringeren als die Macher von rFactor 2) nämlich kostenlos zur Verfügung, damit niemand von der Teilnahme an der populären Klasse ausgeschlossen wird. In Kürze kommt dann noch der Mustang LMGT3 kostenlos hinzu und Junge, Junge: Das könnte ein harter Kampf mit dem von mir geliebten Ferrari werden. So sehr ich Rennsport liebe, so wenig kann ich ja mit halbwegs regulären Autos anfangen. Es gibt da nur eine, dafür umso größere Ausnahme und die wird im Hause Ford gebaut.

„Fertiger“ Early Access

Abgesehen davon soll in wenigen Tagen, nämlich am 25. Februar ein großes Update online gehen, dessen weiterentwickeltes Reifenmodell zunächst den GT3-Fahrzeugen aufgezogen wird, um es später auch den anderen Klassen zu gönnen. Zusätzlich erhalten einige Strecken weitere Layouts (unter anderem Monza ohne die Startschikane des Todes und Le Mans ohne die Schikanen auf der „Endlos“-Gerade), während in Spa endlich (ich hatte mich schon gewundert) die lange Boxenausfahrt hinzukommt. Nur das Update, mit dem man sich irgendwann als Team ein Cockpit in den Langstreckenrennen teilen darf, wurde verschoben. Dieser Aspekt der Wirklichkeit wird im Februar deshalb noch kein Teil des Spiels sein.

Ich sollte an dieser Stelle ohnehin endlich erwähnen, dass sich Le Mans Ultimate noch im Early Access befindet, also faktisch kein komplettes Spiel ist. Wenn ich allerdings Assetto Corsa Evo dagegenhalte, das für mein Empfinden kaum mehr als eine große Demo ist, dann ist das den Vergleich eigentlich kaum wert. Le Mans Ultimate ist deutlich umfangreicher und „fertiger“ als die vor kurzem ebenfalls in den Early Access gestartete Konkurrenz. Wobei besagtes Assetto Corsa Evo gemeinsam mit iRacing dafür die einzigen Simulationen sind, deren Fahrverhalten ich als ähnlich ausgefeilt wie dieses hier einschätze.

Dabei gefällt mir in Le Mans Ultimate unter anderem die Onlineanbindung, weil sie mit ihren täglichen Rennen ohne Setup-Fummelei sowie etwas umfangreicheren wöchentlichen Läufen und gelegentlichen Sonderwettbewerben so zugänglich ist wie das System in Gran Turismo 7, während gleichzeitig aber wie in iRacing vor jedem Lauf eine Qualifikation gefahren wird und sich von der Strecke drehende Fahrzeuge nicht in durchfahrbare „Geister“ verwandeln.

Le Mans Ultimate - schon im Early Access eine der besten Simulationen 1 of 9 Caption Attribution Hypercars sind derzeit das Schnellste, was in der WEC unterwegs ist.

Abgesehen davon arbeitet man sich wie derzeit zum Glück üblich in einem zweiteiligen Rangsystem nach oben (oder unten, je nachdem): Der eine Rang misst die individuelle Leistung nach eingefahrenen Platzierungen und der andere vergibt eine Sicherheitswertung. Letztere dient nicht nur zum Aussortieren der wilden Grobiane (von denen mir hier ohnehin noch kein einziger begegnet ist), sondern entscheidet auch darüber, ob man an Onlinemeisterschaften teilnehmen darf. Wobei dafür noch ein ganz anderer Faktor verantwortlich ist.

Die stehen nämlich nur Abonnenten eines kostenpflichtigen RaceControl-Abos zur Verfügung. Das liegt mit verträglichen 48 Dollar pro Jahr zwar weit unter der Gebühr eines iRacing-Zugangs, die Verzahnung mit dem Festpreis-Spiel wirkt im Vergleich aber natürlich seltsam. Für mich ist sie in Ordnung. Es gibt mehr als genug der erwähnten Einzelrennen und für einen laufenden Service dieser Qualität geht der Preis in Ordnung. Zumal gemeldete Zwischenfälle in der Meisterschaft nicht nur vom Programm bewertet, sondern von realen Rennkommissaren angeschaut werden.

Einen kleinen Beigeschmack hinterlässt auf meiner Zunge nur die Tatsache, dass ausschließlich RaceControl-Abonnenten private Server erstellen dürfen, weshalb viele Besitzer des Spiels nicht gezielt mit Freunden und Bekannten zusammenkommen. Mir ist klar, dass das Betreiben von Servern Geld kostet, doch würde ein größeres Entgegenkommen seitens der Entwickler dem Wachstum ihrer Community nicht guttun? Auf jeden Fall ist das eine recht schmerzliche Einschränkung.

Der Vollständigkeit halber will ich noch erwähnen, dass man sich bereits lange vor einem Onlinerennen dafür anmelden kann, um anschließend noch Trainingsrunden auf speziellen Servern zu spielen. Wer sich allerdings auch für das übernächste Rennen anmelden will oder einfach nur dafür trainieren will, benötigt auch dafür ein Abonnement. Nun könnte man freilich im Offlinerennen trainieren, dennoch ist das ein kleiner, wenn auch verschmerzbarer Wermutstropfen.

Gute Wertung, gute Gegner

Richtig gut gefällt mir dafür das System der Strafen, denn zumindest in den Onlinerennen erhält man nach jedem Lauf eine Abrechnung darüber, welche Aktionen für eine Steigerung oder eine Senkung des Fahrer- und des Sicherheitslevels gesorgt haben. Kommt man unter den ersten Zehn ins Ziel, wird das zum Beispiel positiv gewertet. Erreicht man hingegen eine Platzierung, die niedriger als die vom System erwartete ist, gibt es Abzüge. Ich nehme an, die Vorhersage erfolgt nach einer Sortierung des Punktwerts aller Teilnehmer.

Lasst euch davon vielleicht nicht abschrecken: Man macht insgesamt mehr Fort- als Rückschritte. Anspruchsvoll ist vielmehr der Aufstieg in Sachen Sicherheitswertung, denn dort regiert Le Mans Ultimate mit so eiserner Faust, dass ich anfangs durchaus überrascht war. Jedes Touchieren eines anderen Fahrzeugs gibt ja schon Punktabzug – völlig ungeachtet dessen, wer die Schuld daran trägt. Das heißt nicht, dass der Aufstieg unmöglich ist, denn selbst etwas Profanes wie sauber gefahrene Runden wird positiv bewertet. Nur behutsamen Klinkenputzen sollte man eben tunlichst vermeiden.

Wem ein etwas übermütiger Gegner kurz vor dem Scheitelpunkt gar ins Hinterrad rauscht, sodass er sich dreht und noch im Stehen von zwei weiteren Fahrzeugen gerammt wird, der hat jedenfalls Pech. Ich weiß, wovon ich rede. Immerhin konnte ich den daraus folgenden Wertungsrutsch im folgenden Rennen schon wiedergutmachen, weshalb ich gar nicht meckern will. Unterm Strich ist mir ein übertrieben pingeliges System wesentlich lieber als eins, das unfaire Manöver ungestraft durchgehen lässt. Sieht Polyphony, dass ich gerade mit zusammengekniffenen Augen in Richtung Japan starre?

Umso besser natürlich, dass kritische Momente in den Meisterschaften von realen Stewards bewertet werden. Nicht zuletzt muss ich außerdem anmerken, dass ich in meiner gesamten Zeit mit Le Mans Ultimate noch auf keinen einzigen Kontrahenten gestoßen bin, der oder die sich in irgendeiner Form unfair verhalten hätte. Selbstverständlich passieren auch hier kleine Missgeschicke, bei denen man die Augen verdreht. Aber das gilt ja – so viel Ehrlichkeit muss sein – nicht nur für die Anderen.

Solo sowieso spitze

Aber vielleicht wollt ihr ohnehin nicht online fahren. Womöglich geht ihr lieber gegen vom Spiel gesteuerte Gegner an den Start. Dann freut euch auf eine KI, die das recht komplexe Überholen und Überrunden in den Multiklasseläufen so gut beherrscht, dass man einen angenehm reibungslosen Wettbewerb erlebt. Beim manchen Starts zieht man zwar auch hier mit etwas Risiko am halben Feld vorbei, doch das passiert selbst in manchen Onlinerennen. Ganz allgemein gehen die künstlichen Kontrahenten sehr konsequent zur Sache, obwohl sie Spielern fast immer genug Platz für schweißtreibende Rad-an-Rad-Duelle lassen.

Ich sage an dieser Stelle aber einfach mal Danke an Alle, denen ich in meinen bisher 40 Stunden auf der Strecke begegnet bin, denn die gehören zu den besten 40 Stunden, die ich je in einer Simulation verbracht habe! Ich will Le Mans Ultimate nicht größer machen als es ist, aber letztlich führt es die aktuelle Generation hochwertiger Rennsimulationen klar an – eine Generation, deren Physik ebenso überzeugend wie fühlbar ist und „TV-Piloten“ wie mir damit mehr Kontrolle gibt. Es schadet nicht, dass man durch das konsequente Bewertungssystem in den zugänglichen Onlinerennen tagtäglich faire Rennen erlebt. Nein, besser kann man momentan weder GT3s noch Hypercars oder Prototypen fahren!