Ich bin sicher, die Entwickler von Highguard haben sich den Start anders vorgestellt. Nachdem es mit dem User-Interesse gestern Abend zunächst gut aussah – 100.000 wollten es zu Spitzenzeiten spielen –, steht das Spiel nun bei “größtenteils negativen” Bewertungen. Woran liegt das?

Gut möglich, dass Hero-Shooter einfach am Ende sind. Als Teil des Service-Game-Pantheons empfinden sie viele heute vermutlich bewusst oder unbewusst als einen Angriff auf ihr Freizeitkonto. Das Risiko, Hunderte Stunden in ein todgeweihtes Spiel zu investieren, ist vielen zu heiß. Und wenn wir mal ehrlich sind, haben wir mittlerweile auch, was Helden angeht, so gut wie jede Variation von Fähigkeiten und visuellem Design gesehen. Deshalb kommt auf jedes Overwatch ein Battleborn, ein Lawbreakers und ein Crucible, auf jedes Valorant ein Fragpunk, ein XDefiant und ein Concord. Wer nicht punktgenau einen Nerv trifft, kann einpacken.

Können wir so langsam damit Schluss machen?

Das bedeutet aber nicht, dass ich fein damit bin, was jetzt mit Highguard passiert, denn es sagt mehr über uns Zocker als Community aus als über das Spiel an sich. Kaum zwei Stunden war der neue Shooter mit Superfähigkeiten und Festungsangriff-Elementen auf Steam draußen, schon hagelte es negative Bewertungen, die es in Grund und Boden schrieben. Keine Gnade, kein Pardon, keine Chance, sich zu verbessern.

Nicht wenige bringen faire Argumente vor: Zu still sei Das-gegen-drei auf den großen Maps in der einleitenden Phase, sagen manche, weder Fisch noch Fleisch ist andernorts der Tenor. Andere ätzen ein wenig zu früh und zu giftig über Performance- oder andere technische Probleme oder die lange Warteschlange, in die man sich gestern einreihen musste. Alles Dinge, an denen der Entwickler arbeiten kann und wird. Nimmt jeder Rezensent dann auch seine schlechte Bewertung zurück?

Sehr viele haben sogar weniger Worte für das kostenlos spielbare Highguard übrig als Minuten, die sie es ausprobiert haben. Denn das fällt vor allem auf: Die positiven Reviews kommen mehrheitlich von Leuten, die das Spiel länger als zwei Stunden gespielt haben, die negativen mehrheitlich von Accounts mit deutlich weniger Zeit auf dem Tacho. Sicher, hier kann man natürlich fragen, ob die Leute das Spiel besser beurteilen können, weil sie es länger gespielt haben, oder ob es andersherum ist: Sie spielen es länger, weil sie Highguard persönlich besser beurteilen, es ihnen also mehr Spaß macht. Ihre Meinung wäre so oder so zumindest nicht weniger wert als die jener, die das Spiel nach 45 Minuten oder weniger als Stinker abgekanzelt hatten.

Das Schwarmtier in uns

Aber man könnte schon einmal nachdenken, ob es wichtig oder hilfreich ist, seine persönliche spontane Ablehnung derartig zügig und giftig in Worte zu fassen? Noch dazu bei einem Spiel, das nichts kostet. Mir ist bewusst, dass im Menschen immer auch ein Herdenwesen steckt. Doch in Fällen wie diesen tun sich manche von uns mehr denn je als Schwarmtiere hervor, die ihre Impulskontrolle an die Strömung abgeben, sich vom Kollektiv als Ganzes bewegen lassen. Zusammen draufhauen in einer sich selbst bestärkenden Negativschleife scheint eine Art Volkssport, und ich bin das mittlerweile wirklich leid.

Hat man halt auch schon ein paar Mal gesehen, Eisfähigkeiten wie diese...

Ich sehne mich zurück in eine Zeit, in der die digitale Empörungskultur noch nicht so freidrehte. Heute vergiftet ein Mix aus Geltungsbedürfnis und Rudelbildung regelmäßig viele öffentliche Diskussionen. Junge Studios mit unangepassten Design-Sensibilitäten verunsichern solche Dynamiken, große Spielehäuser verleitet es zu mehr durch Fokusgruppentests von jeglicher Kante befreite Entwicklungen. Die Spiele werden langweiliger und mutloser.

Was mit Games wie Highguard ist? Die müssen vom Fleck weg Geld verdienen – weil sie keinen Eintritt verlangen – und haben den roten Daumen jetzt wie einen Klotz am Bein. Das schädigt einerseits die Team-Moral und hält andererseits möglicherweise interessierte Gamer fern. Es ist ohnehin schon schwierig genug, ein Live-Service-Spiel in Fahrt zu bekommen. Ein Zangenangriff wie dieser kann ihm schnell den Rest geben.

Ich bin selbst nicht einmal sicher, ob ich Highguard besonders mag. Wenn ich jedoch auf den Tonfall von vielen der negativen Rezensionen horche, scheint es beinahe, als wäre der mögliche Untergang des Spiels Teil des Anreizes, es erst zu zerreden. Bilde ich mir das ein? Und wenn nicht: Ist das noch normal? Sind wir so kaputt, dass wir erst froh sind, wenn auch wir etwas zerstören können?

Wenn ich ehrlich bin – ich will die Antwort lieber nicht hören.