Goodnight Universe im Test: Psionisches Baby, bitte lächeln!
Ich sitze auf dem Boden. Hinter mir höre ich meine Familie, wie sie ihrem Alltag nachgeht. Auf dem Fernseher läuft eine Zeichentrickserie, die ich verabscheue – und die mich trotzdem auf unerklärliche Weise fesselt. Ich muss mich dagegen wehren. Stark bleiben. Vor mir liegen meine Spielklötze verstreut. Ich schließe die Augen und versuche, allein mit der Kraft meiner Gedanken einen Turm daraus zu formen. Konzentration! Doch der Fernseher zieht mich magisch an. Warum wirkt diese Berieselung so betörend? Und warum bin ich der Einzige, der erkennt, dass in dem Notizbuch meines kürzlich verstorbenen Großvaters wichtige Botschaften verborgen sind?
Wahrscheinlich klingt das für euch erst mal bescheuert, deshalb kurz zur Einordnung: In Goodnight Universe spielt ihr ein sechs Monate altes Baby mit übernatürlichen Fähigkeiten. Ihr seid geistig erwachsen, aber in einem Körper gefangen, der noch nicht einmal auf zwei Beinen stehen kann. Jeder Versuch, einen klugen Gedanken zu artikulieren, endet in Gejauchze oder Geschrei. Konzentriert ihr euch jedoch genug, könnt ihr die Gedanken eurer Mitmenschen lesen – und mit reiner Willenskraft sogar Objekte bewegen.
Kamera. Action!
Das ist schon für sich eine außergewöhnliche Prämisse. Doch was Goodnight Universe wirklich aus dem inzwischen durchaus beachtlichen Angebot emotional aufgeladener Erzählspiele heraushebt, ist die optionale Steuerung per Kamera. Ihr könnt Personen zulächeln oder die Stirn runzeln, um eure Emotionen zu zeigen. Und für Telekinese oder zum „Hineinhorchen“ in euer Gegenüber müsst ihr tatsächlich die Augen schließen – eine simple, aber überraschend wirkungsvolle Mechanik.
Dieser Säugling versteht keinen Spaß. (Goodnight Universe Test)Es ist ein völlig abgefahrenes Gefühl, die Augen zu schließen und den Kopf langsam zu bewegen, um die wahren Gedanken einer Person zu erspüren. Als würdet ihr bei einem alten Radio nach dem richtigen Sender suchen – nur eben nicht mit den Händen, sondern mit euren Psi-Kräften.
Man kann das Ganze zwar auch klassisch nur mit Controller oder Maus und Tastatur spielen, doch dabei geht ein spürbar großer Teil der Immersion verloren. Wichtig ist: Der Raum sollte nicht zu dunkel sein, und ihr solltet nicht zu weit von der Kamera entfernt sitzen, damit eure Mimik zuverlässig erfasst wird. Ich hatte gehofft, dass im späteren Verlauf noch etwas komplexere Webcam-Interaktionen dazukommen, aber das Ganze wurde bewusst schlicht gehalten, damit die Mechanik nicht vom Wesentlichen ablenkt: der Geschichte.
Ganz großes Kino
Goodnight Universe wirkt wie ein interaktiver Pixar-Film – nicht wegen des Designs, sondern wegen der emotionalen Wucht. Ja, es geht um übersinnliche Fähigkeiten und Mystery, aber im Kern erzählt das Spiel von Liebe, Verlust und der schmerzhaften Aufgabe, sich selbst zu begreifen. Ein paar Szenen haben mich stärker erwischt, als mir lieb ist – nicht wegen großer Twists, sondern wegen unscheinbarer Wahrheiten. Zum Beispiel dieser eine Moment, in dem man jemandem etwas Bedeutsames sagen möchte, aber die Worte einfach nicht herauskommen. Genau solche kleinen Stiche bleiben hängen. Und deshalb wirkt Goodnight Universe nach, weit über seine fünfstündige Spielzeit hinaus.
Goodnight Universe | Official Launch Trailer Der Trailer verrät fast schon zu viel, finde ich. (Goodnight Universe Test)Auf YouTube ansehenWas dieses Spiel so smart macht, ist die Tatsache, dass es manchmal einfach nur darum geht, ein entspanntes Baby zu sein, das versucht, den Eltern mit ihren Alltagssorgen nicht zusätzlich auf die Nerven zu gehen. Und dann schlägt die Stimmung plötzlich um: Die Schwester bringt einen seltsamen Typen mit nach Hause, der offensichtlich nichts Gutes im Schilde führt. Und dann tauchen Gestalten auf, die offenbar mehr über eure Psi-Fähigkeiten wissen.
Mehr verrate ich nicht zur Story. Wie in diesem Genre üblich könnt ihr verschiedene Entscheidungen treffen, aber es gibt keine alternativen Enden – und ihr verpasst auch nichts, wenn ihr euch einmal anders entscheidet. Eure Wahl beeinflusst am Ende nur Nuancen: Tonalität, kleine Untertöne, die Beziehung zu einzelnen Figuren. Mehr nicht. Ich habe trotzdem gerade einen zweiten Durchgang gestartet.
Warum schaffe ich es nicht, meine Gefühle auszudrücken? (Goodnight Universe Test)Fazit – Goodnight Universe Test
Ja, dieser Test fällt etwas kürzer aus – schlicht weil Goodnight Universe kein Spiel ist, das man in 10.000 Zeichen zerreden muss. Wenn ihr narrative Adventures mit bewusst reduzierter Mechanik mögt, gehört dieser Titel zwingend auf eure Liste. Und auch wenn das Spiel an ein, zwei Stellen kurz den Fokus verliert, gibt es nur wenige Games, die so klar erfassen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Und ja, ich weiß: Das klingt nach prätentiösem Feuilleton-Geschwurbel. Egal. Goodnight Universe konfrontiert euch mit grundlegenden Sorgen und Ängsten – ohne pädagogischen Zeigefinger und ohne moralische Keule. Und die Webcam-Steuerung? Für manche sicher nur ein Gimmick. Für mich ein cooles Detail, das diese Erfahrung perfekt abrundet. Goodnight Universe PROCONTRA- Sehr coole Präsentation
- Webcam-Steuerung verstärkt die Immersion
- Starke Story mit emotionaler Wucht
- Erstklassige Synchronsprecher
- Nur knapp fünf Stunden Spielzeit
- Keine deutsche Tonspur
- Entscheidungen haben keine gravierenden Auswirkungene









