Gehypt, verehrt, verspottet: Heavy Rain wird 15 Jahre alt und so langsam könnt ihr ruhig zugeben, dass es eines eurer Lieblingsspiele ist!
Ich liebe Heavy Rain. Das muss mal gesagt sein. Dabei ist es alles andere als gut gealtert. Im Grunde war vieles daran schon damals nicht besonders gut und heute schlagen seine Versäumnisse nur noch härter durch. Das gestelzte Buch. Das steife Schauspiel. Die vielen unfairen, falschen Fährten. Die lobenswerte, aber letztlich fehlgeleitete Art, wie man mit der Umgebung interagiert und bei der man sich wieder größte Idiot aller Zeiten anstellen kann. Damals wie heute erschlug Heavy Rain mit Klischees aus vielen, vielen anderen Thrillern, seine Konflikte und Probleme wirkten mehrheitlich schwer konstruiert. Und doch: Mein Gott, hatte ich Spaß dabei.
Es half natürlich, dass ich jünger war, als 2006 das berüchtigte The Casting-Video erschien, das Quantic Dreams Performance-Capture-Technologie so eindrücklich demonstrierte und bis heute das vermutlich beste Buch ist, das David Cage je geschrieben hat. Das wirkte erwachsen, finster, menschlich – und fiel dadurch in der Spielelandschaft der 00er Jahre umso mehr auf. Der Hype war entsprechend groß und dass es satte vier Jahre dauern sollte, bis das Spiel dazu endlich erschien, stachelte die Vorfreude nur noch weiter an. Was am Ende herauskam, war dann doch ein Stück weit weg vom reifen Hollywood-Drama – und doch ein gelungener interaktiver Thriller, dessen Story-Verläufe zumindest theoretisch sehr flexibel waren.
Der Idiot, der "Jason, Jason, Jason" ruft, das seid ihr
Klar, das ist bis heute hochgradig Meme-tauglich, was hier passiert: Ethan Mars ist der schlechteste Vater und Ehemann der Welt. Seine Frau macht das Essen, die Einkäufe, bringt und holt die Kinder und plant allein die Geburtstagsparty, noch bevor Papa aus dem Bett ist und als Erstes im Stehen die Toilette einsaut. Klar, dass Ethan danach den O-Saft direkt aus der Tüte trinkt und schon mal daran scheitert, seiner Frau die Einkäufe abzunehmen, bevor er Sohnemann ein bisschen zu feste mit einem Plastikschwert vermöbelt. Ethan ist so unfähig, dass ich nach erneutem Spielen der ersten Szenen begründete Zweifel habe, dass Jason durch das Auto zu Tode gekommen ist. Mit etwas Abstand scheint es genauso denkbar, dass Ethan ihn mit seinem Körpergewicht zerquetscht hat, als er versuchte, ihn zu retten.
Was in all dem ungelenken Schaufensterpuppentheater häufig untergeht, sind die vielen, vielen, vielen extrem gelungenen Szenen, in denen einem die Anspannung bis zum Hals schlug. All die kleinen und großen Entscheidungen, die das Spiel immer wieder zu cleveren Zeitpunkten von euch verlangt, und mit denen ihr den Figuren selbst Profil gebt. Da steckt zwischendurch immer wieder viel Fingerspitzengefühl drin. Aber auch die Spannungsszenen, waren immer wieder sehr einnehmend gemacht und kontrastierten regelmäßig clevere, ruhigere Ausschnitte. Die Jagd nach dem Drogendealer. Die Meldung der Entführung bei der Polizei. Das deprimierendste Abendessen aller Zeiten. Der Finger. Der wirkungsvolle, wenngleich nicht verdiente Twist mit Scott. Die Schrottpresse. Nie wusste man, welches Kino-Versatzstück Cage einem als nächstes entgegenschleudern würde, aber diese Geschichte selbst ein Stück weit mitzuschreiben, das war eine erfrischende neue Art, Videospiele zu erleben. Und sein Rhythmus zog einfach mit.
Happy Birthday, Heavy Rain - Bilder
1 of 6 Caption AttributionDas Versprechen, jede der Hauptfiguren könne im Verlauf der Story sterben, hing wie das Beil einer Guillotine überm Kopf der Spielenden, obwohl es am Ende nur wenige Szenen waren, in denen es wirklich fallen konnte. Die Sorge, in entscheidenden Momenten, die falsche Entscheidung zu treffen oder etwas zu sagen, das der Mission, das geraubte Kind zu retten, nicht dienlich war, spielte zu jedem Zeitpunkt mit. Die Abstufungen, in denen diese Geschichte enden konnte, waren außerdem beachtlich. Schade nur, dass man es richtig darauf anlegen musste, wollte man es böse enden lassen.
Egal: In Sachen Stimmung ist Heavy Rain nach wie vor ziemlich stark, nachdem man sich die hölzernen Dialoge, die jedes zweite Spiel heute natürlicher hinbekommt, etwas schöngetrunken hat. Bis heute fühlt sich das Spiel trotz der wenig intuitiven Steuerung immer noch mehr nach einem Videospiel an als etwa Supermassives The Quarry – vielleicht weil man in Quantic Dreams Klassiker des Film-Spiels nebenher sehr viel mehr alltägliche Dinge machen darf? – und die QTEs halte ich immer noch für einige der besseren in diesem Genre.
Für mich war Heavy Rain im Februar 2010 ein einschneidendes Erlebnis. Schon klar, sein Weg war im Grunde eine Sackgasse. Mit den Jahren wuchs sie jedoch zu einem pittoresken Wendehammer mit zahlreichen Anrainern von Dontnod bis Telltale an. Eine Nachbarschaft, in der man nicht unbedingt wohnen wollen würde, aber eine, die man gern regelmäßig besucht.









