Ich bin ein alter, fetter AAA-Singleplayer-Boomer und ich stehe auf Spiele wie Tomb Raider, The Last of Us, God of War, Metroid Prime oder Resident Evil. Interaktive Blockbuster für Solisten. Ein bisschen Action, ein paar Rätseleinlagen, etwas Erkundung, und das Ganze bitte in eine Präsentation gegossen, die auch meine innere Grafikhure zufriedenstellt. Das Problem: Genau diese Sorte Spiel wird gefühlt seltener. Und es wirkt fast so, als müssten sich diese Spiele immer häufiger dafür rechtfertigen, nicht „fresh genug“ zu sein. Sieht man ja an den Reaktionen zu Ghost of Yotei: Ich fand das Samurai-Abenteuer absolut grandios, für mich sogar besser als Ghost of Tsushima. Trotzdem kam von vielen sofort das Urteil „zu altbacken“.

Wenn ihr Glück habt, spucken Lootboxen richtig wertvolle Inhalte aus, die ihr sofort für viel Geld verkaufen könnt.

Dafür wird Clair Obscur: Expedition 33 gerade behandelt wie ein popkulturelles Allheilmittel, aber mich hat das Ding maximal gelangweilt. Schon der Art-Style ging mir gegen den Strich und die Musik fand ich auch schlimm. Kennt ihr diese Performance-Künstler in goldenen Outfits, die regungslos in der Fußgängerzone stehen? Clair Obscur ist für mich die laute Videospielversion davon. Und über ARC Raiders möchte ich gar keine Worte verlieren. Dieses kollektive Abfeiern erinnert mich an den Taylor-Swift-Effekt oder an die Rednex mit Cotton Eye Joe: Die ganze Welt grölt mit, und ich stehe daneben und frage mich, warum es bei mir nicht zündet.

Und genau deshalb wühle ich mich inzwischen bei Steam immer tiefer nach unten, bis ich endlich wieder etwas finde, das bei mir überhaupt noch einen Nerv trifft. Und manchmal stolpert man im Algorithmus-Keller über richtig schräge Sachen wie Five Hearts under one Roof, Side Effects oder eben Keep Gambling, das ich euch hier kurz vorstellen möchte.

KEEP GAMBLING - Teaser Trailer Ja, Keep Gambling ist schon irgendwie speziell.Auf YouTube ansehen

Das Spielprinzip ist schnell erklärt: Ihr habt Schulden und nur wenige Minuten, um sie zu begleichen. Als vernünftige Person trefft ihr die einzig logische Entscheidung: Ihr jagt eure letzten Kröten in Glücksspiele und pumpt euch mit legalen und illegalen Substanzen voll, um den Puls hochzutreiben. Denn in Keep Gambling gilt: Je schneller das Herz hämmert, desto besser stehen eure Gewinnchancen. Doch jeder Spaß hat seine Grenzen: Puls hoch heißt mehr Gewinnchancen. Puls zu hoch heißt Infarkt. Und eure Spielfigur kippt im nächsten Moment tot um.

Klingt abgefahren und ist es auch, aber spielerisch bleibt Keep Gambling erstaunlich dünn. Eigentlich rennt ihr nur unter Zeitdruck ständig dieselbe Dreiecksroute ab: Mini-Casino, Tankstelle, LAN-Party. Dort rödelt ihr Rubbellose durch, öffnet Lootboxen und bedient einarmige Banditen, so schnell ihr könnt, um irgendwie genug Kohle zusammenzukratzen. Dazwischen haut ihr euch Energy-Drinks, verschreibungspflichtige Pillen und sonstige Substanzen rein, um den Puls zu pushen oder wieder nach unten zu drücken. Im Singleplayer war bei mir nach rund 30 Minuten die Luft raus. Die Solo-Runden taugen eigentlich nur als Trainingsmodus: Umgebung kennenlernen, Wege einprägen, Systeme verstehen und checken, was überhaupt möglich ist.

In der Tankstelle könnt ihr nicht nur Getränke und Snacks konsumieren, sondern auch Rubbelllose kaufen.

Beim Erkunden habe ich zum Beispiel entdeckt, dass im Backoffice der Tankstelle ein Döschen Psychopharmaka auf dem Tisch steht. Einfach konsumieren und der Herzschlag ist sofort auf Anschlag. Und drüben im LAN-Party-Haus liegt im Kühlschrank auch Gratis-Treibstoff: Energy-Drinks, die ordentlich reinknallen, ohne dass sie euer Budget belasten. Sobald ihr verstanden habt, wie das System tickt und wie ihr euren Puls am zuverlässigsten im Idealbereich haltet, ist das Regelwerk im Grunde durchgelesen. Ab da lernt ihr nicht mehr neue Mechaniken, ihr feilt nur noch an der Ausführung. Dann beginnt die Optimierungsphase und ihr könnt im Mehrspielermodus dominieren.

Kein Matchmaking

Leider gibt es kein schnelles Online-Matchmaking, das euch automatisch mit anderen Spielerinnen und Spielern zusammenwirft. Ihr könnt nur Sessions von Leuten beitreten, mit denen ihr auf Steam befreundet seid, oder ihr hostet selbst ein Online-Spiel. Weil die Prämisse zugleich fies und dumm ist, macht das Ganze mit Freunden aber richtig Spaß. Es ist einfach witzig, wenn ihr übers Headset hört: „Einer geht noch rein!“, und dann direkt vor euren Augen jemand kreischend zusammenbricht. Und tatsächlich ist euer einziger echter taktischer Hebel der Herzschlag: Ihr pusht ihn, um die Chancen zu verbessern, und bremst ihn wieder, damit ihr nicht über die Kante kippt. Dieses „Sweet-Spot“-Gefühl ist der Moment, in dem das Spiel kurz so wirkt, als hätte es mehr Tiefe, als es am Ende tatsächlich bietet.

Die Slotmachines sollte man nur verwenden, wenn man zuvor den Puls und somit auch die Gewinnchancen maximiert hat.

Keep Gambling ist unterhaltsamer Friend-Slop für rund sieben Euro, der für ein paar Sessions zuverlässig Schadenfreude und Chaos stiftet. Die Spieltiefe wird vermutlich niemanden lange bei der Stange halten, aber wir haben viel gelacht und ein paar gute Stunden damit verbracht. Es ist ein bisschen wie gemeinsames SchleFaZ-Gucken: Gerade weil es Schrott ist, zündet Keep Gambling erst recht. Mängel wie die etwas umständliche Steuerung, die euch Rubbellose in die Ecke pfeffern lässt, statt sie freizurubbeln, wirken dadurch fast schon spaßfördernd. Ihr werdet jedenfalls viel fluchen. Und eure Mitspielerinnen und Mitspieler ganz sicher auch. Und als wäre das nicht schon genug, raunt im Hintergrund ständig diese tiefe Stimme „keep gambling“ – wie ein schlechter Einfluss mit Voice Modulator.