Backrooms Kritik: Dieser Kino-Albtraum ist so fesselnd, dass er euch nicht mehr loslässt
Mit dem Internetphänomen der Backrooms hatte ich bislang ungefähr so viel zu tun wie mit der Tide-Pod-Challenge. Ich wusste, dass es existiert und vor allem bei jungen Menschen eine enorme Faszination entfaltet, verspürte aber nie das Bedürfnis, mich näher damit zu beschäftigen. Liminal Spaces, Creepypastas, Analog Horror und die zahllosen Theorien rund um endlose gelbe Korridore waren für mich weitgehend neues Terrain. Ich ging also ohne Vorwissen, Erwartungen oder Fan-Theorien in Backrooms. Vielleicht war genau das die beste Vorbereitung auf einen Film, dessen Wirkung maßgeblich daraus entsteht, dass man nie weiß, was hinter der nächsten Ecke lauert.
Was ist Backrooms?
Backrooms ist ein Mystery-Horrorfilm von Regisseur Kane Parsons, basierend auf dem gleichnamigen Internet-Phänomen. In den Hauptrollen glänzen Chiwetel Ejiofor und Renate Reinsve. Der Film erkundet Liminal Spaces und bringt den endlosen Albtraum auf die große Leinwand.
Clark ist ein gescheiterter Architekt, kämpft wenig erfolgreich gegen seine Alkoholsucht und schläft nach der Trennung von seiner Frau in seinem eigenen Möbelgeschäft. Cap’n Clark’s Ottoman Empire ist ein trostloser Laden, dessen Name mehr Abenteuer verspricht, als das Sortiment je einlösen könnte. Chiwetel Ejiofor spielt diesen Mann mit gekränktem Stolz, Selbstmitleid und der verzweifelten Hoffnung, dass irgendwo noch eine Aufgabe auf ihn wartet, die seinem Leben wieder Bedeutung verleiht.
Diese Aufgabe findet Clark im Untergeschoss seines Geschäfts. Hinter einer Wand entdeckt er einen Zugang zu einer unmöglichen Welt aus leeren Büros, kahlen Fluren, summenden Leuchtstoffröhren und Räumen, die vertraut aussehen, aber nach keiner menschlichen Logik zusammenpassen. Möbel stehen herum, als hätte jemand versucht, eine Erinnerung nachzubauen, ohne das Original vollständig zu verstehen. Und damit beginnt einer der faszinierendsten Kinobesuche, die ich seit langer Zeit erlebt habe.
Backrooms hat sich offiziell zum erfolgreichsten Film in der Geschichte von A24 gemausert.Horror ohne zuverlässige Regeln
Backrooms setzt nicht primär auf Monster, Blut oder Türen, die im falschen Moment aufspringen. Sein Horror liegt in Räumen, die vertraut aussehen und sich trotzdem falsch anfühlen. Teppichboden, Tapeten, Schreibtische, Lampen, Treppenhäuser: Nichts davon ist für sich genommen bedrohlich. Erst die unwirkliche Kombination macht daraus einen Albtraum. Die Backrooms sehen nicht wie eine fremde Welt aus. Sie wirken eher wie eine fehlerhafte Erinnerung an unsere eigene.
Vom YouTube-Phänomen ins Kino
Regisseur Kane Parsons befeuerte den Hype maßgeblich mit seinem YouTube-Kanal "Kane Pixels". Als Teenager animierte er Found-Footage-Videos der Backrooms, die millionenfach geklickt wurden. Sein Aufstieg vom viralen Creator zum Hollywood-Regisseur gipfelt in diesem Debüt.
Kane Parsons und Kameramann Jeremy Cox erforschen diese Räume mit einer Geduld, die modernen Horrorfilmen häufig fehlt. Die Kamera darf stehen bleiben, beobachten und Zweifel säen. In den Ecken bewegt sich vielleicht etwas. Eine Wand scheint eben noch anders ausgesehen zu haben. Ein Gegenstand steht dort, wo er unmöglich stehen dürfte. Oder man bildet sich all das nur ein, weil der Film das eigene Misstrauen längst gegen einen verwendet.
Ich klebte während dieser Szenen förmlich an der Leinwand. Nicht, weil ständig etwas passierte, sondern weil jederzeit jedes Detail wichtig werden konnte: eine Zeichnung an der Wand, eine Zahl, die Position eines Fensters oder ein Schatten im Hintergrund. Backrooms macht sein Publikum zu Ermittlern in einem Mysterium, das sich jeder eindeutigen Erklärung entzieht.
Backrooms | Official Clip | A24 Der Trailer zu Backrooms.Auf YouTube ansehenDer Ton macht nicht nur die Musik
Einen erheblichen Anteil an dieser Wirkung hat das herausragende Sounddesign. Das Summen der Leuchtstoffröhren ist kein bloßes Hintergrundgeräusch, sondern ein permanenter Angriff auf die Nerven. Tiefe Frequenzen und kaum zuzuordnende Klänge erzeugen ein Unbehagen, das sich kaum erklären lässt. Das Gefühl der Figuren, in diesem Labyrinth nirgends sicher zu sein, überträgt sich unmittelbar auf das Publikum.
Die Musik von Kane Parsons und Edo Van Breemen drängt sich dabei nicht als klassischer Horrorscore in den Vordergrund. Sie sickert in die Szenen hinein. Man hört sie nicht immer bewusst, spürt aber, wie sie die Wahrnehmung verändert.
Auch visuell leistet der Film Erstaunliches. Die gelben Wände, schmutzigen Teppiche und kalten Lichtquellen könnten schnell zur bloßen Masche verkommen. Parsons findet jedoch immer neue Variationen dieser Grundidee. Die Räume werden größer, falscher und zunehmend von jeder nachvollziehbaren Architektur entkoppelt. Trotzdem verliert der Film nie seine Klarheit. Man weiß zwar selten genau, wo sich die Figuren befinden, aber jederzeit, was diese Orientierungslosigkeit mit ihnen macht.
Das ist ein entscheidender Unterschied: Die Verwirrung kaschiert keine schwache Inszenierung, sondern ist ihr präzise gesetztes Ergebnis.
Die norwegische Schauspielerin Renate Reinsve ist endgültig in Hollywood angekommen.Chiwetel Ejiofor spielt das menschliche Zentrum
Eine faszinierende Kulisse allein trägt noch keinen Spielfilm. Die größte Herausforderung bestand deshalb darin, aus einem Internetphänomen eine Geschichte mit glaubwürdigen Figuren zu entwickeln. Hier erweist sich vor allem Chiwetel Ejiofor als Glücksgriff.
Sein Clark ist kein klassischer Sympathieträger. Er ist egoistisch, frustriert, ungerecht zu seinen Angestellten und geradezu besessen davon, sein Scheitern anderen in die Schuhe zu schieben. Gleichzeitig versteht man, warum ihn die Backrooms derart anziehen. In seinem bisherigen Leben hat er versagt. Die geheimnisvollen Räume vermitteln ihm das Gefühl, zum ersten Mal etwas wirklich Bedeutsames entdeckt zu haben.
Ejiofor spielt diese Obsession nie als abrupte Verwandlung. Clark klammert sich mit zunehmender Intensität an das Mysterium, weil es ihm genau das verspricht, was ihm außerhalb dieser Räume fehlt: Bedeutung. Seine Vergangenheit als Architekt macht ihn dafür besonders empfänglich. Wo andere nur unmögliche Flure sehen, sucht er nach Struktur. Er kann nicht akzeptieren, dass ein Gebäude keinen Plan, keinen Urheber und vielleicht nicht einmal einen Zweck besitzt. Also beginnt er damit, eine Karte zu zeichnen.
Clark hat eine grobe Karte der Backrooms angefertigt.More than a Seelenklempner
Renate Reinsve bildet als seine Therapeutin Mary den notwendigen Gegenpol. Sie beobachtet Clark zunächst professionell, trägt jedoch eigene Erinnerungen und Verletzungen mit sich herum. Reinsve benötigt keine großen Monologe, um diese Belastung sichtbar zu machen. Ein Blick oder eine kurze Verzögerung in ihrer Reaktion reicht häufig aus. Gemeinsam verhindern sie, dass Backrooms zu einer bloßen Führung durch spektakuläre Gruselkulissen wird.
Trotzdem erklären einige Dialoge die psychologischen Motive etwas zu deutlich. Dass hier zwei Menschen in emotionalen Schleifen gefangen sind, hätte man auch subtiler auf die Leinwand bannen können. Ejiofor und Reinsve verleihen diesen Passagen jedoch genug Gewicht und Glaubwürdigkeit, damit sie trotzdem funktionieren.
Chiwetel Ejiofor als Clark
Der britische Schauspieler Chiwetel Ejiofor, für 12 Years a Slave für den Oscar nominiert, verleiht dem abstrakten Raumhorror als gescheiterter Architekt Clark ein glaubwürdiges menschliches Zentrum. Ejiofor gehört übrigens neben Scarlett Johansson, Diane Lane und Laurence Fishburne zur Besetzung des neuen "The Exorcist"-Films, der am 11. März 2027 in deutschen Kinos starten soll.
Eine Spur aus Brotkrumen
Die größte Stärke von Backrooms liegt in seinem Umgang mit Informationen. Der Film gibt dem Publikum immer gerade genug, um eine neue Theorie zu entwickeln, und zieht ihr kurz darauf wieder den Boden weg. Jede vermeintliche Antwort öffnet eine weitere Tür.
Sind die Backrooms ein realer Ort? Eine Parallelwelt? Ein Speicher menschlicher Erinnerungen? Spiegeln sie die Psyche der Menschen, die sie betreten? Erschaffen sie eigenständig neue Räume oder kopieren sie nur Fragmente unserer Wirklichkeit? Der Film stellt all diese Möglichkeiten in den Raum, legt sich aber auf keine davon eindeutig fest.
Das hätte nach hinten losgehen können. Normalerweise nervt es mich, wenn ein Film seine Rätsel lediglich stapelt und am Ende jede Auflösung verweigert. Manche Drehbücher tun das nicht aus Überzeugung, sondern weil ihre Autoren selbst keine Antworten besitzen. Backrooms wirkt aber keineswegs planlos. Die Details sind zu bewusst gesetzt, die Hinweise zu auffällig und die visuellen Verbindungen zu präzise, als dass dahinter bloßer Zufall stecken könnte. Parsons legt mit diebischer Freude echte und falsche Spuren. Kaum glaubt man, das System endlich durchschaut zu haben, zerlegt das nächste Detail die gerade mühsam zusammengebaute Theorie.
Das Geheimnis der Backrooms wird nicht entschlüsselt, aber genau das macht den Film spannend.Dadurch entsteht eine Form der Spannung, wie ich sie auch bei Dokumentationen über die Tiefsee oder kilometerlange unerforschte Höhlensysteme verspüre. Der Wunsch, gut unterhalten zu werden, weicht dem Drang, ein Mysterium zu entschlüsseln und unbekanntes Terrain zu erkunden. Plötzlich sucht der ganze Kinosaal nach Hinweisen, Mustern und einer Erklärung für einen Ort, der sich jeder Erklärung widersetzt.
Der Ursprung des Mythos
Der Backrooms-Mythos entstand 2019 auf 4chan. Ein anonymer Nutzer postete das Bild eines gelben, leerstehenden Büroraums mit der Warnung, man könne aus der Realität "herausfallen". Daraus entwickelte sich das Internet-Genre des Analog Horrors.
Stark von Anfang bis Ende
Viele Mysteryfilme beginnen mit einer großartigen Idee und demontieren sie anschließend Stück für Stück. Je näher das Finale rückt, desto kleiner wird das Mysterium. Aus etwas Unbegreiflichem werden ein Labor, drei E-Mails und ein Wissenschaftler, der freundlicherweise alles erklärt. Danach weiß man zwar, was passiert ist, interessiert sich aber kaum noch dafür.
Backrooms begeht diesen Fehler nicht. Der Film steigert sich zu einem Finale, das die vorherigen Bilder und Motive neu sortiert, ohne sie auf eine einzige Lesart zu reduzieren. Einige Zusammenhänge werden deutlicher, andere erscheinen plötzlich fragwürdiger als zuvor. Der Schluss beantwortet nicht sämtliche Fragen. Er verändert vielmehr die Fragen, die man bis dahin gestellt hat.
Je weiter Clark in die Backrooms vordringt, desto surrealer und albtraumhafter entfaltet sich das Labyrinth.Backrooms – Fazit:
Es ist lange her, dass ich einen Film so dringend ein zweites Mal sehen wollte. Dabei verließ ich den Kinosaal keineswegs mit dem Gefühl, nur die Hälfte verstanden zu haben. Ich hatte vielmehr mehrere Deutungen im Kopf, die sich ergänzten, widersprachen und neue Fragen aufwarfen.
Meine Begleitung und ich hatten denselben Film gesehen, aber andere Details wahrgenommen und daraus vollkommen unterschiedliche Schlüsse gezogen. Mit dem Abspann endete der Film, nicht aber die Beschäftigung mit ihm.
Manche Bilder entfalten ihre Bedeutung erst im Rückblick. Andere könnten bei einer erneuten Sichtung meine bisherigen Theorien zum Einsturz bringen. Backrooms funktioniert wie das Labyrinth auf der Leinwand: Je tiefer man hineingerät, desto seltsamer und faszinierender wird es. Selten hat sich Orientierungslosigkeit im Kino so gut angefühlt.









