Fallout: Die Serie kommt eher in New Vegas an als Lucy und Cooper den Weg dorthin finden
Als Lucy durch keinen Geringeren als Macaulay Culkin zum Anführer von Caesars Legion gebracht wird und diesem, mit kompletter Ignoranz ihrer dezent lebensbedrohlichen Situation, eine Lektion in Sachen Geschichte erteilt (erstens spreche er seinen Namen falsch aus und zweitens sei Primae Noctis keine römische Tradition), hatte die dritte Folge der zweiten Fallout-Staffel schon gewonnen.
Dabei war das nur der Anfang dessen, was nicht nur einen cleveren Fingerzeig auf Fallout: New Vegas darstellt, sondern erstaunlich vorlagengetreu dessen Fußspuren folgt. Und ja, hier wird mal wieder frei gespoilert! Ich will weder das Finale davon ausschließen noch ein paar der Erkenntnisse, die vor allem für Fans der Spiele interessant sind. Denn spätestens die aktuelle Episode hat für mich eindeutig klargemacht, dass sich die zweite Staffel vor allem an dem von Obsidian geprägten Vorbild orientiert.
Bei Caesars Legion lebt Lucy voll auf - auch wenn das nicht unbedingt zu ihrem Vorteil ist.Wobei natürlich schon die vorherigen zwei Folgen der Serie eine entsprechende Richtung verliehen. Immerhin zog sie zunächst, wie zu Beginn einer neuen Staffel üblich, nicht allzu straff am roten Faden, sondern war hauptsächlich um das Vorstellen zusätzlicher Handlungsebenen bemüht.
Da erwachten die Überlebenden in Vault 31 aus dem Tiefschlaf, während man bei den Rittern von San Fernando eine Rebellion gegen das Commonwealth plante und Lucy gemeinsam mit Cooper durchs Wasteland streift, nachdem man den Ghoul zuvor als skrupellosen Einzelgänger kennengelernt hatte. Doch das war noch gar nichts im Vergleich zu den Ereignissen aus Folge drei.
Denn spätestens in der ist die Serie nicht nur an aus New Vegas bekannten Akteuren, Orten und dort ansässigen Gruppen interessiert, sondern auch an der Art der Konflikte, wie sie das Spiel in den Mittelpunkt stellte. Wobei ein zu erwartender und ein für mich sehr überraschender Charakter quasi die Rolle des Spielers übernimmt.
Schade, dass Kumail Nanjiani der Serie nicht erhalten bleibt...Der zu erwartende ist Maximus, über den das Drehbuch auf geschickte Weise vier Fliegen mit einer Klappe schlägt. Denn als er einer Versammlung der Allianz beiwohnt, die das Commonwealth bekämpfen will, droht der zarte Bund glatt zu zerbrechen – weshalb Quintus, der Anführer von Maximus‘ Gruppe, seine Verbündeten daran erinnert, wie sich der Gründer der Bruderschaften einst seiner Regierung widersetzte, weil sich deren unmenschliche Gesetze sich über Gott hinwegsetzte.
Und genau das wird natürlich auch Maximus tun müssen, der damit hoffentlich vom ambitionierten, bisher aber auch erschreckend stoischen Gefolgsmann zu einer Person wird, die für ihre Überzeugung eintritt.
... sein Charakter brachte nämlich Schwung in Maximus' Leben. Aber für den sorgt er in Zukunft ja vielleicht selbst.Wie er das tut? Indem er den Gesandten des Commonwealth erschlägt, den Kumail Nanjiani als ebenso schwungvollen wie erfahrenen Haudegen mit Spaß am Kämpfen spielt. Denn als der eine Gruppe junger Ghouls erschießen will, weil die gnadenlosen Gesetze des Commonwealth das so vorschreiben, kann Maximus nicht länger zusehen.
So erfährt man nicht nur etwas über das einst edle Ansinnen der Bruderschaft sowie das Commonwealth, sondern kann auch die Entwicklung des Protagonisten nachvollziehen und sieht gleich noch, warum der Konflikt mit dem Commonwealth bald eskalieren dürfte.
Täusche ich mich übrigens oder steckt in dieser sowie der Szene davor eine ordentliche Portion Amerikakritik? Es gibt da jedenfalls diesen Moment, in dem eine Angehörige des Kongresses für den Hinweis ausgelacht wird, das Land dürfe nicht länger von Konzernen regiert werden.Klar: So wie Maximus hätte ich als Spieler sicherlich auch entschieden, ihr vermutlich ebenso. Bei einem anderen Charakter finde ich die den Spalt zwischen Recht und Unrecht allerdings deutlich schmaler. Und natürlich geht es dabei um Cooper – wobei mir damit jetzt auch deutlich plausibler erscheint, warum der Ghoul schon in der vorherigen Episode nicht mehr als ausschließlich skrupelloser Einzelgänger inszeniert wurde.
Nachdem er nämlich Lucy findet, die inzwischen von Caesars Legion als Gefangene gehalten wird (das historische Wissen aus ihrer wohl behüteten Vault-Kindheit fand wohl wenig Anklang), sucht er zunächst einen Stützpunkt der New California Republic (NCR) auf, was ebenfalls eine aus Fallout: New Vegas bekannte Gruppe ist. Nur, dass besagter Stützpunkt im Kampf mit Caesars Legion auf dem letzten Loch pfeift.
Also dreht Cooper um und verrät die NCR, von der er sich ursprünglich Hilfe erhofft hatte – im Austausch für Lucy. Dass er im gleichen Zug noch einen kleinen Bürgerkrieg entfacht, weil auch innerhalb der Legion zwei Fraktionen um die Vorherrschaft kämpfen… reiner Selbstzweck oder versuchte er damit tatsächlich, das Richtige zu tun? Und wie viele Menschenleben sind die Rettung eines einzigen wert?
Und sie gab ihm sogar noch Medizin mit auf den Weg!Diese Frage ist der Zirkelschluss zu Coopers Vergangenheit, die auch in Folge drei thematisiert wird. Denn wie man da erfährt, musste er schon in der Vergangenheit Entscheidungen nicht zwischen Schwarz und Weiß treffen, sondern zwischen unterschiedlichen, am Gewissen zehrenden Grauzonen. Das zeichnet seinen Charakter also aus – ganz ähnlich, wie es Fallout: New Vegas bei den Alter Egos seiner Spieler vorgemacht hatte.
Und damit ist die Serie rein inhaltlich schon längst im diesem neuen Vegas angekommen, wenn Lucy und Cooper sowie mit Sicherheit eine Reihe weiterer vielschichtiger Figuren demnächst erst ihren Weg dorthin finden werden.









