Man schleicht durch das faszinierende Eriksholm, indem man clever designte Stealth-Puzzles löst und eine emotionale, leider etwas zu knapp erzählte Geschichte erlebt.

Einen kleinen Stein wirft Alva nur und schon dreht sich die Wache danach um – jetzt kann Hanna ihr per Blasrohr einen Giftpfeil in den Hals pusten. Nun muss sich Sebastian nur noch schnell genug an die zweite Wache anschleichen, um sie bewusstlos zu würgen. Denn würde sie ihren Kumpel zu Boden fallen sehen, müssten es die drei noch mal versuchen.

So beziehungsweise so ähnlich funktioniert das in Eriksholm. Klingt vertraut? Dann kennt ihr euch in Sachen Stealth-Action offenbar gut aus. Doch Vorsicht: Eriksholm ist nicht das, was ihr von anderen Spielen dieser Art vielleicht gewohnt seid. Denn Eriksholm ist keine systemische Welt, in der ihr mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln frei hantieren könnt. Es ist vielmehr ein Puzzlespiel, bei dem es in jeder Situation darum geht, die eine richtige Lösung zu finden.

So funktioniert Eriksholm: Alva lenkt mit einem Steinwurf die Aufmerksamkeit der Wache ab, damit Hanna (ganz unten im Bild) ungesehen über den Steg laufen kann. (PC)

Verwirrt? Es ist einfacher als es klingt. Und auch besser, als es das womöglich tut. Aber ja: Werden Hanna, einer ihrer zwei Begleiter oder eine bewusstlose Person entdeckt, gilt die Situation umgehend als gescheitert. Dann findet man sich wenige Sekunden vor dem letzten Scheitern wieder, um es erneut zu probieren, was erfreulich frustfrei funktioniert, weil man keine Zeit verliert. Und gerät man dabei mal in eine seltene Sackgasse, ist auch der letzte große Speicherpunkt nie weit entfernt.

Und falls die Tatsache, dass man in den meisten Situationen eine dafür vorgesehene Lösung finden muss, nach Einbahnstraßen-Stealth klingt: Tatsächlich spielt sich Eriksholm um einiges offener, als es auf dem Papier den Anschein hat. Zum einen stehen nämlich oft genug verschiedene Wege zur Verfügung, die Hanna und ihre Gruppe gehen können, und zum anderen bleibt ihnen fast immer auch genügend Zeit, aus der Sichtlinie einer Wache zu verschwinden, wenn sie mal in deren Sichtfeld laufen.

Eriksholm ist die titelgebende Stadt und eine Welt voller Gegensätze. Um den Hafen herum befinden sich Industrie und die Häuser einfacher Bürger... (Steam Deck)

Sie können ja sogar Bewusstlose aus dem Weg zu Hilfe eilender Wachen schleifen. Die schauen nämlich manchmal nach, wenn ihre Partner nicht mehr antworten. Sie werden außerdem darauf aufmerksam, wenn man Möwen aufscheucht, und sie sehen nach, wer laute Geräusche verursacht. Alva kann zudem einige der Lampen zerstören, denn im Schatten sind die Heimlichtuer quasi unsichtbar, während Hanna – Klassiker! – durch Lüftungsschächte kriechen kann.

Mit diesen Fähigkeiten muss die kleine Gruppe also ganz verschiedene Herausforderungen meistern, wobei Hanna mal nur mit Alva, mal nur mit Sebastian und oft genug auch ganz alleine unterwegs ist. Und meistens kann sie dabei so frei mit ihren Möglichen hantieren, dass man sich spielerisch nie gegängelt fühlt.

... während es sich die Wohlhabenden zum Teil in großer Höhe gemütlich gemacht haben. (PC)

Doch innerhalb dieses Rahmens gibt es für die meisten Situationen eben klare Lösungswege, die man zunächst mal finden und dann durch gutes Timing aller Beteiligten auch umsetzen muss. Und dieses Vorgegebene ist nun mal nicht typisch für die Stealth-Action. Beziehungsweise ist es in fast allen Fällen sogar ein Zeichen für einen eher schwachen Vertreter seiner Art – nur gilt das eben nicht für Eriksholm: The Stolen Dream.

Was aus meiner Sicht an zwei klugen Schachzügen der Entwickler liegt. Nummer eins: Die verlangten Lösungswege sind clever konstruierte Puzzles, die man – und das ist Nummer zwei – nicht aus der eingeschränkten Egoperspektive durchschauen muss, sondern bei denen man die Fähigkeiten mehrere Figuren so kombiniert, dass sich eine gefundene Lösung so berauschend wie das Knacken einer harten Kopfnuss anfühlt.

So ganz nebenbei tragen die die verschiedenen Höhenstufen vieler Abschnitte außerdem dazu bei, dass sich die Umgebungen angenehm plastisch anfühlen. (Steam Deck)

Hanna, Alva und Sebastian laufen nicht zuletzt ja über Wege, die oft nur jeweils einem von ihnen zur Verfügung stehen und sich dabei überschneiden. Man knobelt daher auf verschiedenen Ebenen, was den gekonnten Aufbau der Rätsel nur noch stärker unterstreicht.

Einmal ging mir an einer solchen Überschneidung sogar das Herz auf; als Hanna nämlich – ganz leise, damit sie nicht gehört wird – Alva für die Hilfe beim Ablenken einiger Wachen dankt, während sie über ihr eine Brücke überquert. So richtig grün sind sich die Beiden nämlich nicht und die gerade mal 17 Entwickler bei River End Games beweisen ein ausgesprochen gutes Feingefühl beim Einstreuen solcher und anderer Details, um ihre Geschichte zu erzählen.

Eriksholm: The Stolen Dream ist in digitaler Form in den Stores der jeweiligen Plattformbetreiber, also bei Steam, im Epic Games Store sowie bei Sony und Microsoft, zum Preis von knapp 40 Euro erhältlich. Auf PC ist zudem eine Demo verfügbar.
  • Steam
  • Epic Games Store
  • Xbox
  • Wobei es eben nicht nur um die Geschichte, also die Suche nach Hannas verschwundenem Bruder geht, sondern zunächst mal die Charaktere im Vordergrund stehen – das und der Aufbau einer fiktiven Welt, die vom Skandinavien zu einer Zeit nach der industriellen Revolution inspiriert ist. Eine Welt, die man nicht erklärt bekommt, sondern die man durch eigenes Erkunden entdeckt.

    Manchmal hilft es dafür, den Wachen oder Zivilisten zuzuhören. Hilfreich sind natürlich auch Notizen, große Werbetafeln sowie kleine Zeichnungen und Bilder, die als Sammelgegenstände dienen, wenn man abseits des Wegs genauer hinschaut. Auf jeden Fall wird Eriksholm nicht von Erklärdialogen zerredet, denn das Meiste erschließt sich über den Kontext dessen, was man dort beobachtet beziehungsweise kennenlernt.

    Knifflig: Hier müssen sich Hanna und Alva vor dem grellen Flutlicht hüten und im richtigen Moment Wachen ablenken, um an ihnen vorbei zu schleichen. (PC)

    Richtig gelungen sind vor allem aber die kleinen Geschichten in vielen Situationen, denn River End Games reiht nicht lediglich ein Stealth-Puzzle an das nächste. Ein Großteil der Situationen sind vielmehr in kleine Geschichten eingebettet, deren Akteure man am Anfang eines Levels kurz kennenlernt, um anschließend zu verfolgen, wie sie darauf reagieren, was Hanna mit ihrem heimlichen Tun anrichtet.

    Auch das meine ich mit untypischer Stealth-Action: Kleine Aktionen der Gegner, ein Umsehen nach Geräuschen etwa, sind natürlich systemisch angelegt. Die großen Reaktionen aber sind speziell inszenierte Abläufe, die den Spielfluss genau so verändern, wie es River End Games vorgesehen hat. Mit dieser Mischung aus System und einzigartigen Geschehnissen entsteht zum Beispiel eine tolle Szene, in der man sich durch ständig ihre Position wechselnde Wachen schlängeln muss, ohne dass der Ablauf wie in einem Metal Gear Solid letztlich vorhersehbar ist.

    Tolle Szene: Hier muss Sebastian nicht nur ständig wechselnden Wachrouten ausweichen, sondern auch betäubte Gegner vor den Blicken ihrer Kollegen verstecken. (PC)

    Im Grunde muss man dadurch sogar noch wachsamer sein, weil man nie wissen kann, wann und auf welche Art das Ausknocken eines Polizisten seinen Partner auf den Plan ruft. Mir gefällt diese Art des Stealth-Puzzelns jedenfalls richtig gut. Sicher fehlt da die Spieltiefe großer Stealth-Action. Und natürlich funktioniert das manchmal nur über Trial-and-Error. Das ist dank der schnellen Rücksetzpunkte aber nie frustrierend und ganz allgemein ist, was in Eriksholm geschieht, einfach ausgesprochen unterhaltsam.

    Zumal es so ganz nebenbei ein angenehm ruhiges Spiel ist. Denn selbst, wenn Hanna, Alva oder Sebastian sprinten, wird es nie hektisch. Es wird nie zur Schnellklick-Action, sondern hat immer dieses Flair einer mit Bedacht vorgelesenen Erzählung. Natürlich gibt es auch dramatische Entwicklungen und aufregende Momente. Die stehen aber in keiner Form im Vordergrund.

    Und dann sind da noch Filmszenen, in denen Hanna, Alva & Co. mit einer so überzeugenden Mimik auftreten, dass man davor nur den Hut ziehen kann. Ich hatte mich gleich mit dem ersten Trailer schon darin verliebt und das Spiel bestätigt diese Qualität auf ganzer Linie…

    ERIKSHOLM: The Stolen Dream | OFFICIAL REVEAL TRAILER | Nordcurrent Labs Gleich der erste Trailer vermittelte einen Eindruck von der hervorragenden Mimik in Filmszenen.Auf YouTube ansehen

    … mit einer Einschränkung: Die anfängliche Frequenz dieser schönen Filmszenen lässt schnell nach. Die meisten Dialoge erlebt man nämlich aus der zwar stilvollen, aber doch weit entfernten Vogelperspektive. Die Gesichter sind dann so weit entfernt, dass die emotionale Verbindung zu den Figuren ein wenig einschläft. Es werden ja nicht einmal Portraitbilder mit vielleicht kleinen Animationen der Reaktionen eingeblendet.

    Abgesehen davon hat Eriksholm für mein Empfinden so sehr mit seiner langsam größer werdende Geschichte zu tun, dass dann doch erklärende Stichpunkte in den Vordergrund rücken, um Hanna und ihre Freunde in Richtung Ziel zu schieben, während die eigentlich interessanten Charaktere dabei zu kurz kommen. Und beides lässt eine Distanz entstehen, die der Verbindung zu Hanna und ihren Freunden etwas im Weg steht.

    Der rote Faden selbst ist durchaus spannend! Zumal die von einem politischen Konflikt bedrohte Welt dadurch an Tiefe gewinnt. Selbst das vielleicht wichtigste zentrale Ereignis wird aber so knapp abgehandelt, dass ich spätestens da nicht mehr mit allen Emotionen bei der Sache war.

    Eriksholm: The Stolen Dream im Test – Fazit

    Klar: Dass River End Games nicht die Mittel für eine aufwändige Inszenierung hat, leuchtet ein. Vielleicht hätte sich das Indie-Studio deshalb aber stärker auf seine Charaktere fokussieren sollen. Denn abgesehen davon gelingt ihm mit Eriksholm ein beinahe famoses Erstlingswerk! Selten macht es mir so viel Spaß wie hier, die zahlreichen Facetten einer anschaulichen Welt kennenzulernen. Und selten vermisse ich tiefgreifende Systeme so wenig wie bei diesem clever konstruierten Stealth-Puzzler – in dem schleichen, knobeln und ruhiges Erkunden in erfreulich abwechslungsreichen Situationen zusammenkommen. Wie schön, dass Eriksholm damit das Kleinod geworden ist, das ich mir vom ersten Trailer an erhofft hatte!

    Eriksholm: The Stolen Dream PROCONTRA
    • Clevere, relativ abwechslungsreiche Stealth-Action-Puzzles
    • Kleine, ins Spiel eingebundene Geschichten in jedem Level
    • Plastische Welt, die man zum großen Teil durch eigenes Erleben und Entdecken kennenlernt
    • Starke Mimik in dialoglastigen Filmszenen
    • Auf Dauer zu wenige Filmszenen beziehungsweise Nahaufnahmen und etwas zu knapp erzählte Geschichte