Normalerweise bremsen bei kleinen Desktops die Boxen die Chips aus, hier ist es umgekehrt: Großartiger Sound digital angesteuert, absolut fantastisch für Größe und Preis wenn das Signal analog kommt.

Was ist der Edifier M90?

Der Edifier M90 ist ein aktives 2.0-Desktop-Lautsprechersystem mit 100 Watt RMS. Es bietet Hi-Res Audio via LDAC, HDMI eARC, optische sowie analoge Anschlüsse. Hersteller ist Edifier. Der Preis liegt bei rund 300 Euro, ausgelegt primär für das Nahfeld auf dem Schreibtisch.

Wir sind weit gekommen bei dem, wie der 2.0-Desktop-Sound so klingt. Als jemand, der mit dem Verstärker einer Soundblaster 2 anfing und an der ein paar passive Okano... nun, nennen wir es mal Lautsprecher hingen, hin zu dem, welche Optionen man mittlerweile im aktiven Bereich hat, war es ein weiter Weg. Dieser führte über 5.1-THX-Setups fragwürdiger Qualität und viele, viele mittelmäßige Kleinstlautsprecher, meist mit einem wenig elegant klingenden Subwoofer. Insoweit begrüße ich die Entwicklung der letzten Dekade, in der immer mehr hochwertige kleine Speaker über meine Holzplatte hier wandern.

Silvoll und kompakt machen sich die Edifier M90 gut auf jedem Schreibtisch.

Edifier ist dabei eine feste Größe, vor allem, wenn es um Preis-Leistung geht. Zuletzt zum Beispiel die winzigen, aber kompetenten M60, die für 150 Euro manch doppelt so großen Konkurrenten im Regen stehen ließen. Oder die außerordentlich schicken QR65, die zeigen, dass Preis, Design und Sound allesamt auf bestem Niveau liegen können. Und um die Spannung gleich rauszunehmen: Die neuen Edifier M90 dürfen sich gleich mit hier einsortieren. 300 Euro, ein Sound, der all den 2.1-Schund der 2000er-Jahre vergessen macht und, richtig angeschlossen, müssen sich sogar meine geliebten Nubert 125 Pro ein wenig in Acht nehmen.

Gehäuse und Zubehör der Edifier M90

Die Edifier M90 sind nicht ganz so handlich wie ihre kleinen M60-Geschwister, aber mit 13 Zentimeter Breite, 21 Höhe und 22 Tiefe immer noch sehr kompakt und gut neben dem Monitor unterzubringen. Wie immer habt ihr einen aktiven und einen passiven Lautsprecher, wobei ihr euch über die Aufstellung keine Gedanken machen müsst. Die Boxen sind massiv und nahtlos verarbeitet und machen den bei Edifier gewohnten hochwertigen Eindruck. Welcher der beiden links und rechts ist, wird in der App eingestellt. Beide sind über ein immerhin 5 Meter langes Kabel verbunden, was einigen Spielraum erlaubt. Das Kabel ist das bekannte 4-Pin, das sich leicht nachkaufen lässt, aber bei dem ich mir letztlich doch wünschen würde, dass es ein klassisches 2-Klemmen-Boxenkabel wäre, bei dem ich die Länge selbst justiere.

Um kurz bei Zubehör und Kabeln zu bleiben: Edifier hat praktisch alles in die Kiste gepackt, was es gibt: 2 Meter Stromkabel sowie ein optisches, ein USB-C, ein 3,5 zu 3,5 und ein 3,5 zu RCA. Letztere alle nur 1,5 Meter, aber für den Desktop sollte damit alles locker abgedeckt sein. Da sich die M90 nicht ganz auf App und Bluetooth verlassen wollen, liegt auch noch eine relativ umfangreich belegte Fernbedienung anbei, die recht komplett die Eingangs- und Soundsteuerung abdeckt. Sie ist wertig genug, kann aber in keiner Weise mit Nuberts Alu-Vorzeigemodell mithalten. Egal, sie tut, was sie soll, Batterien sind dabei und die meiste Zeit nutzt man sie eh nicht.

Wer steckt hinter der Marke Edifier?

Edifier wurde 1996 in Peking von einer Gruppe Audio-Enthusiasten um den heutigen CEO Wendong Zhang gegründet. Die Marke wuchs schnell vom Geheimtipp zu einem der größten weltweiten Hersteller für PC-Audio, der vor allem für ein extrem starkes Preis-Leistungs-Verhältnis bekannt ist.

Anschlüsse und Sweet-Spot der Edifier M90

Das liegt daran, dass ihr die zahlreichen Eingangsmöglichkeiten wie alles andere auch über die Edifier-Connect-App steuern könnt, was selbst Wechsel zum analogen Eingang digital erledigt. Was die Eingänge angeht, gibt es praktisch alles, was man in der Größenordnung erwartet. Wie die Kabel andeuten, habt ihr einen 3,5mm-Analog-Eingang auf der Rückseite, einen optischen Eingang natürlich und auch USB-C-Direkt. Wer übertrieben viel Bass haben möchte, findet sogar einen regelbaren Sub-Out. Schließlich ist da noch der HDMI eARC. Im Rahmen des sehr anschlussfreudigen Konzepts der M90 ist es nett, dass er da ist, und zum guten Ton gehört er mittlerweile bei kleinen Speakern aus China auch. Vielleicht ist die Nutzung dort weiterverbreitet, Desktops aus den westlichen Ländern haben aktuell noch seltener einen HDMI eARC und wenn, dann meist in den höheren Preisklassen. Ich habe es an meinem Beamer probiert, die Sprachverständlichkeit ist mit ein wenig Herumspielen am Equalizer okay, aber auf drei Meter nicht ideal. Eine Soundbar wird diesen Job besser erledigen, man merkt, dass dies nicht der eigentliche Zweck der M90 ist.

Falls die Fernbedienung oder App nicht zur Hand sind, dann könnt ihr die Lautsärke auch über den Regler hinten anpassen.

Das liegt vor allem an der konsequenten Desktop-Konstruktion der Treiber in den M90. Ihr habt einen 4"-Mitten-Bass-Treiber und einen 1"-Höhen-Treiber und alle vier sind extrem fokussiert ausgerichtet. Selbst auf 1,5 Meter kann der Sound an eurem Ohr vorbeigehen, wenn ihr die Ausrichtung der Box um nur 20 bis 30 Grad verschiebt. Der ideale Stereo-Punkt lässt sich so auf dem Desktop perfekt ausrichten, aber auch eben nur für euch. Als raumfüllende Box ist die M90 nicht geeignet, so wie sie eine der besten für die präzise Desktop-Ausrichtung ist. Die ganze Power ist dann auf diesen Idealpunkt im Dreieck ausgerichtet und da klingt es dann exzellent! Keine Sorge, der Idealpunkt ist nicht so klein, dass ihr euch im Stuhl nicht zurücklehnen dürft, aber viel größer ist er dann auch nicht. Hier setzt auch einer meiner wenigen echten Kritikpunkte an: Ein paar Füße oder kleine Ständer, um die M90 anzuwinkeln, wären super gewesen. Sicher, irgendwas findet sich immer, aber direkt dabei wäre besser.

Leistung und erster Höreindruck der Edifier M90

An der Power liegt es übrigens nicht, dass die M90 mehr für den Desktop als den Partykeller geeignet sind. Die 100-Watt-Angabe ergibt sich aus den zwei Mal 35 Watt der 4-Zoll-Mitten/Tief-Töner und den zwei Mal 15 Watt der Hochtöner. Macht zusammen 100 und das merkt man auch, wenn man mal auf 60 Prozent aufdreht und hier schon deutlich die Zimmerlautstärke am Desktop hinter sich gelassen hat. Das natürlich ohne zu verzerren und auch weitestgehend, ohne die Präzision im Tiefbereich zu verlieren. Das war auch auf laut gedreht alles noch deutlich sauberer, als ich es von einer so kleinen Budget-Box erwartet hätte. Von der Kraft her reicht das auch für den besagten Partykeller. Aber, wie heißt es so schön, laut können sie am Ende alle, auf den Klang kommt es an und hier hatten ich und die M90 einen kleinen Fehlstart.

Ungewöhnlich hierzulande, aber viele 2.0 Lautsprecher aus China haben mittlerweile einen eARC-Eingang.

Ich startete über Tidal und Bluetooth Muses 2009er Album The Resistance, das in einer Menge Bombast und Pathos schwelgt, aber dieser blieb irgendwie ausgebremst. Bühne und Präsenz waren einfach nicht so richtig da. Bevor die Enttäuschung zu weit um sich greifen konnte, schloss ich den Analog-Ausgang meines Parks Audio Phono Amp per 3,5mm-Kabel an die M90 und siehe da, das Bild wurde schon deutlich besser. Der Sound war frischer, klarer und ausgewogener, wirklich richtig gut. Die Boxen können also prinzipiell. Zurück am PC war ich dann aber wieder etwas ernüchtert. Jethro Tulls Opener Aqualung auf dem gleichnamigen Album sollte einen ordentlichen Kick im 2011er Mix bieten, aber es klang zurückhaltend, wieder etwas dumpf, ich war nicht glücklich. Vor allem, weil ich ja weiß, dass die Boxen prinzipiell mehr können.

Also machte ich mich auf die Suche in der App, was sich so regeln lässt. Nicht viel insgesamt – Quelle, Lautstärke, Eingang. Der LDAC-Hi-Res war aktiv – die obligatorischen 24/96 werden als oberes Limit geboten –, also auf in den Equalizer und siehe da: Mit ein wenig Herumspielen klang das Ganze plötzlich ganz anders und war viel näher dran an dem Sound, den ich zuvor aus dem Phono Amp bekam. Welcher DAC im M90 am Werkeln sein könnte, war nicht herauszufinden, aber ich gehe davon aus, dass in einem solchen System keine aufwändigen ES-Konstruktionen stecken. Und wer mit Direct-Sound-Kette bei einem 300-Euro-Aktiv-System anfängt, ist eh vom Pfad abgekommen und tief im Wald, also nahm ich die Notwendigkeit des App-Equalizers oder am PC eines entsprechenden Programms zur Kenntnis und freute mich einfach über das einfach zu erreichende und hervorragende Ergebnis.

Dieses war durchaus überzeugend, wenn auch nicht ganz konkurrenzfähig mit dem, was die Nubert 125 liefern. Wo diese für ihre 100-120 Euro extra noch ein wenig mehr Auflösung und Tiefe rausholen, lassen sich die M90 ein wenig zu sehr treiben und sind nicht so reaktionsschnell wie die Desktop-Referenz-Nuberts. Aber wie gesagt, mit dem Equalizer lassen sich die M90 nah genug heranbringen, dass nah dran in dem Falle wirklich gut genug ist. Der Sound packt zu und ist auch der direkten, kraftvollen Abstrahlung lebendig und mitreißend genug.

Alles dabei und auch in schwarz erhältlich: Bei den Edifier M90 habt ihr so ziemlich alles an Kabeln dabei, was ihr nur brauchen könnt.

Da ich an diesem Punkt vermutete, dass die rein analogen Komponenten der M90 mehr können, als sie mir bisher gezeigt haben, schloss ich das Set per AUX-Eingang an mein Lindemann Musicbook 25 an und siehe und vor allem horche da: Edifier hat großartige Boxen gebaut! Sicher, über den Sinn, einen 2000-Euro-DAC an 300-Aktiv-Box anzuschließen, kann gestritten werden, aber das Ergebnis lässt die kleinen Brüllwürfel richtig gut dastehen. Klar, präzise, exzellent aufgelöst und reaktionsfreudig geht der kleine Class-D-Verstärker in ihrem Inneren zur Sache. Ich habe fast komplett die Alben Aqualung, In Utero und Fear Inoculum durchgehört, weil es viel mehr Spaß auf diesen Boxen machte als ich ihnen zugestehen wollte.

Die M90 sind damit ein wenig ein Exot im unteren Preisbereich. Normalerweise sind hier die Chips völlig okay und die klassische Boxentechnik drum herum ist das, wo gespart wird. Edifier zeigt stattdessen, dass sie so gute Boxen bauen können, dass sie eigentlich zu schade für die Standard-Chip-Bestückung sind. Sicher, hier, im großen Raum, muss man noch mehr darauf achten, dass man genau auf Punkt im Stereo-Dreieck sitzt. Auch Distanzen machen sich mehr bemerkbar, aber ich kann mir vorstellen, mit diesen Boxen auch im Wohnzimmer an einem guten Setup einen Abend zu verbringen. Ich werde es nicht tun, weil ich eine echte Stereo-Anlage habe, aber vorstellen kann ich es mir.

Analog ein Traum, aber mit ein wenig Feintuning auch sonst ein Highlight. Edifier beweist mit dem M90 einmal mehr, dass sie mehr bieten als nur die üblichen Mini-Speaker.

Fazit und Gesamtbewertung der Edifier M90

Zurück am digitalen Signal und am Desktop, schaltete ich danach ein paar Gänge zurück und schloss einen SMSL M500 MKII zwischen Rechner und M90 und siehe da, am Ende ist es wirklich der DAC, der hier den Ausschlag gibt. Direkt digital angesteuert ist die M90, einen Besuch beim Equalizer vorausgesetzt, eine exzellente aktive Box für das, was sie kostet. Analog über eine gute Quelle zeigt sie, dass sie als einfacher Class-D und Lautsprecher noch viel mehr drauf hat. Ernsthaft, bei Nirvanas Klassiker Rape Me war es schon cool, wie sauber und diffizil die ersten Zeilen gehaucht werden, um es dann richtig ordentlich krachen zu lassen. Sicher, um einen ganzen Raum dann mit der richtigen Wucht zu füllen, da muss dann der Sub-Out zum Zuge kommen und ihr am richtigen Punkt sitzen. Aber am Desktop? Hammer. Und hier muss ich zugeben, dass, analog angesteuert, die M90 den Nubert praktisch nicht mehr nachstehen.

Die Edifier M90 sind für 300 Euro exzellenter Sound direkt vor euch neben dem Monitor. Vielleicht nicht direkt aus der Kiste, die Wahl des Equalizer-Presets, das sich neutral nennt, sollte überdacht werden, aber einmal justiert sind das tolle Boxen. Wenn ihr dem Setup dann noch einen zumindest ordentlichen DAC gönnt, dann wird aus toll ein ganz sattes herausragend. Jetzt muss man mit sich selbst ausmachen, ob man lieber die Nubert 125 für 100 Euro mehr kauft oder einen kleinen Topping oder SMSL DAC holt. Am besten beides, aber da Geld generell doch wohl ein Faktor ist - sonst würden wir alle Palmers oder Neumanns herumstehen haben – ist ehrlich gesagt die Kombi aus M90 als anschlusstechnisches Schweizer Taschenmesser zusammen mit den Möglichkeiten eines kleinen DACs mein Favorit. Alle Wege offen und perfekter Klang auf kleinem Raum. Viel mehr kann man von einem Paar aktiver Brüllwürfel nicht erwarten.

Star Fox PROCONTRA
  • Richtig ausgesteuert (oder mit externem DAC) hervorragender Klang
  • Sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis für die gebotene Qualität und Ausstattung
  • Enorme Anschlussvielfalt, inklusive USB-C, optisch und eARC
  • Hohe Leistung für satten Desktop-Sound
  • Ausgang für Subwoofer vorhanden
  • Eingebauter DAC ist klanglich okay, aber die Boxen können mehr
  • Sehr enger Sweet-Spot, ungeeignet für ganze Räume
  • Sound in der Default-Aussteuerung etwas dumpf, erfordert fast zwingend eine Equalizer-Anpassung