Starke Charaktere treffen auf interessante Entscheidungen und filmreife Animationen. Dispatch legt die Messlatte für Erzählspiele ein gutes Stück höher.

Machen wir es kurz: Die achte und letzte Folge von Dispatch ist mittlerweile da, und falls ihr diese interaktive Superhelden-Geschichte von Critical Role und ehemaligen Telltale-Mitarbeitern noch nicht auf dem Zettel hattet, sollet ihr sie dringend nachholen. Ich habe ja schon mehrere Artikel über Einzelfolgen und den allgemeinen Spielablauf geschrieben, daher hier noch mein Senf zum Abschluss der Geschichte:

Sowohl der Anlauf auf das Finale als auch die Exekution des großen Schlussakkords haben mir mit wenigen Abstrichen extrem gut gefallen. Und selbst die kleinen Irritationen ergaben sich eher daraus, dass einige Enthüllungen am Schluss so schnell kamen, dass ich mich im Nachgang noch hinsetzen musste. Es ist ein Spiel, in dem man sich anschließend hinsetzt, um sich in die Perspektiven der einzelnen Akteure hineinzudenken, bis man Klarheit darüber hat, wann genau wer was gemacht hat. Wer lügt, wer die Wahrheit sagte und wer vielleicht nur so tut, als wäre alles unter Kontrolle gewesen – das sind Dinge, die muss man ableiten und neben die Sachen halten, die einem bestimmte Figuren gesagt haben.

Das gute Gefühl, ernstgenommen zu werden

Und je länger ich am Wochenende darüber grübelte, desto mehr wurde mir klar, dass auch das zu den Dingen gehört, die ich an Dispatch schätze: Es erwartet von mir, dass ich an dem vorbeischaue, was vordergründig stimmt, und selbst den überzeugtesten Vortrag durch die Linse charakterspezifischer Motivationen und Herausforderungen betrachte, um zur Wahrheit vorzudringen. Dispatch erzählt nicht nur auf erwachsene Weise und lässt seine Figuren so sprechen, es hält auch sein Publikum für Erwachsene.

Die achte Folge geht schon mit einem guten Lacher los.

Mittlerweile bin ich fein mit allen erzählerischen Winkelzügen, mit denen mich Adhoc Studios überraschte, nicht zuletzt, weil die gesamte achte Folge ein wahnsinnig spannendes Wechselbad der Gefühle war. Ich hatte den unterstützenden, aber auch Romanzen-Pfad mit Invisigal verfolgt – Robert und sie als “damaged goods” waren einfach ein zu passendes Paar – weshalb vieles in den Folgen sieben und acht mir klarmachte, dass mein moralischer und mein loyaler Kern nicht am selben Platz wohnen. Das waren ein paar harte Entscheidungen, die ich zu treffen hatte. Am Ende zahlte es sich aus – obwohl ich sicher bin, dass es über einen bestimmten Moment Richtung Ende in der Community einigen Beef geben wird.

Alles in allem liebe ich, wie weit die Schere zwischen den himmelschreiend lustigen, charaktergetriebenen Gags und aufrichtig nervös machenden Spannungsmomenten aufklappte. Das erinnerte ansatzweise an HBO-Serien wie Better Call Saul oder an FX’ bessere Fargo-Staffeln – Fernsehen, das irgendwie alles kann, auch wenn sich Dispatch thematisch natürlich auf sichererem Territorium bewegt. Vor allem imponierte mir, dass sich manche meiner Entscheidungen auf eine Weise rächten, die ich nicht hatte kommen sehen. Wann immer das passierte, war das ein Zeugnis stark geschriebener Figuren mit hoher Selbstwirksamkeit. Das hier sind Leute, die man zwar beeinflusst, die am Ende aber ihr eigenes Ding machen. Vermutlich ist das der Grund, dass ich jeden einzelnen von ihnen ins Herz geschlossen habe.

So viele "Hell-yeah"-Momente

Auch Shroud als Bösewicht fand ich gegen Ende extrem interessant und schön bedrohlich von Matthew Mercer vertont. Bis in kleine Nebenrollen hinein macht hier jeder einen ausgezeichneten Job. Und die brillanten Animationen schenkten mir die komplette Staffel hindurch viele fantastische Action-Szenen und Kämpfe mit toller Choreografie. Einige der Team-Aktionen haben mit Leichtigkeit das Kaliber der besten Marvel-Teamwork-Szenen. Sie sind die Belohnung dafür, dass man als Dispatcher diese Talente zusammengeführt hat, sie zu einer Einheit, nein, zu einem Team aus Freunden geformt hat. Das hat richtig gutgetan.

Ich liebe sie alle. Ja, sogar das Fledermaus-Ar*******

Auch das eigentliche Dispatcher-Gameplay stellt gen Schluss noch einmal ein paar interessante Herausforderungen. Neben einer zunehmend eskalierenden Katastrophenlage muss man auch noch einen marodierenden ehemaligen Kollegen auf der Karte einfangen und stellen, und viele der Hacking-Aufgaben werden plötzlich unerwartet knifflig. Ich bleibe dabei: Ein Strategie-Spin-off von Dispatch würde ich ungesehen kaufen!

Dispatch - Fazit

Dispatch ist ein Spiel Dutzende Momente, in denen ich unruhig auf dem Stuhl herumrutschte, mir ein Miniatur-Detail imponierte, das nur in einem Spiel Platz findet, das seine Macher aufrichtig lieben, oder man mich noch im Nebenzimmer ein bisschen zu laut lachen hörte. Das ist in dieser Form in Games singulär. Für mich ist es die zugleich lustigste und spannendste Spiele-Story des Jahres, in einem gestalterisch wahnsinnig integeren Paket. Viel schlüssiger als in Dispatch kann man das Argument gegen generative KI in Videospielen nicht vortragen. Hier stecken Leben und Charakter drin, das die Maschinen uns auch in Jahren noch nicht vorgaukeln können. Spiele wie dieses haben jedes Bisschen Support verdient.

Dispatch PROCONTRA
  • Tolle Geschichte mit spannenden Entscheidungen und unterschiedlichen Ausgängen.
  • Exzellente Sprecher erwecken mit tollem Timing liebenswürdige Figuren zum Leben.
  • Gute Mischung aus frischem Humor und großer Spannung.
  • Animationen auf hohem Serienniveau.
  • Smartes Dispatcher-Gameplay zwischen den Story-Sequenzen.
  • Über einige Twists muss man eine Weile nachdenken
  • Leider erstmal vorbei