Schon klar: Arc Raiders ist immer noch einer der freundlichsten Extraction-Shooter da draußen. Aber so langsam nimmt das Ganze eine finstere Wendung und ich frage mich, ob das nicht einmal überhandnimmt. Zahlreiche Spielende beginnen, den guten Willen der durch die freundlichen Anfangszeit auf kooperatives oder hilfsbereites Spielen gebürsteten Raider und Raiderinnen auszunutzen. Und da ist in Sachen Durchtriebenheit wirklich alles dabei.
Vorneweg muss ich dazu sagen, als jemand, der knapp 1.200 Stunden mit Hunt: Showdown verbracht hat, liebe ich gutes PvP, Fallenstellen und Hinterhalte. Ich habe mit Leuten, die sich in diese Spiele begeben, um Jagd auf andere zu machen, kein Problem. Auch ist es vollkommen in Ordnung, ein Gebiet voller potenziellem Loot, das auf dem Einkaufszettel steht, mit der gebotenen Härte zu verteidigen. Die aggressive Spielart ist in dieser Sorte offen ausgelegter Multiplayer-Action vollkommen legitim, und auch ich nehme mir regelmäßig vor, eine solche “spicy” Runde zu spielen. Womit ich eher ein Problem habe, sind die soziopathischen Züge, die manche hierbei auszuleben beginnen.
”Don’t shoot und jetzt friss’ das!”
Leute, die stumm einfach offensichtlich friedfertige Raider exekutieren, einfach weil sie da sind und ohne größere “Zweckbindung” – und auch dann noch, wenn sie merken, dass keine Gegenwehr geleistet wird, sind da noch das kleinste Problem. Noch gemeiner wird es bei Leuten, die etwa in der begrabenen Stadt in der Southern Station in der Betonröhre sitzen und reihenweise Extraktionswillige wegrotzen, die nicht wissen, dass sie da sind.
Der Kerl kam ohne große Eile wortlo die Treppe rauf und schoss auf mich, der ich keine Anstalten machte, ihn anzugreifen. In jedem anderen Extraction-Shooter normal. In Arc Raiders irgendwie ein Affront.Richtig fuchsig werde ich bei Leuten, die zuerst “Don’t shoot” rufen, während man die Nase in den Innereien einer Arc Probe stecken hat, und dann die Bobcat brüllen lassen, sobald sie in Reichweite sind. Ich meine, wir können gerne kämpfen, aber wenn du so schlecht in Arc Raiders bist, dass du mich täuschen musst, hast du vielleicht das falsche Hobby?
Es war vermutlich zu erwarten, aber man kommt nicht umhin, zu bemerken, dass in Arc Raiders ein zunehmend rauher Wind weht. Vielleicht liegt es daran, dass einige so langsam das Gefühl haben, so ziemlich alles erreicht zu haben, Ressourcen mittlerweile für die wenigsten, die seit Launch dabei sind, kaum noch ein Problem sind und selbst einige der Arc-Gegner so langsam ihren Schrecken verlieren? Schließlich ist am Ende ein menschliches Ziel die gefährlichste und damit für den Nervenkitzel reizvollste Beute. Entweder das, oder manche zehren einfach davon, anderen den Spaß zu verderben.
Jedes Treffen ein Abtasten. Hätte ich kurz zuvor ein Erlebnis wie das im Bild oben gehabt, wäre mein Abzugsfinger wohl lockerer gewesen.Die heilige Balance
Obwohl mir schwer bewusst ist, dass das Gegeneinander einen guten Teil der Würze von Arc Raiders ausmacht, tun derartige Täuschungen dem Spiel nicht gut, finde ich. In den kommenden Monaten und Jahren dürfte es Embarks Hauptaufgabe sein, sicherzustellen, dass es immer wieder neue Anreize zur Kooperation gibt, um die PvP-Anreize im logischen Rahmen zu halten. Arc Raiders schlug zu Beginn eine geradezu magische Balance aus Feindseligkeiten und spontanem Zusammenhalt, diese gilt es mit allen Mitteln zu wahren, denn sie ist kostbar. Sie ist es, die das Spiel von allen anderen seiner Art entschieden abhebt.
Bis dahin müssen wir die toxischeren Elemente wohl machen lassen. Aber wisst ihr was? Lasst sie nur! Denn oben beschriebene Szenen sozialen Versagens sind auch hin und wieder für magische Momente gut. Etwa wenn man sich spontan mit einem anderen “Friendly” zusammentut, um gemeinsam den U-Bahn-Camper auszuräuchern. Oder den “Don’t-shoot-und-jetzt-schmecke-meine-Bobcat”-Typen mit einem schwindeligen Samba um die soeben gelootete Arc Probe herum dann doch noch mit seiner Il Toro erwischt – zwei Szenen, die ich in den letzten Tagen erleben durfte.
Arc Raiders’ etablierte Etikette liegt mir sehr am Herzen. Weshalb ich es weiter so fair wie möglich spielen, nach spannenden PvP-Scharmützeln am Ende “gg” sagen und – wenn ich es mir leisten kann – in Begegnungen, die auf der Kippe stehen, auch mal Gnade walten lassen werde. Ich würde mich freuen, wenn ihr das genauso seht.









