Clair Obscur: Expedition 33 im Test ist in mehrfacher Hinsicht ein Wunderwerk – eines der wichtigsten Spiele des Jahres hinterfragt so viele Muster, dass euch schwindelig wird
Ihr wisst es längst, Clair Obscur: Expedition 33 ist nach einem Dreivierteljahr großer Vorfreude meinerseits ein fantastisches Spiel geworden. Seit ich diesen betörend schönen Titel erstmals auf der letzten gamescom sah, hatte ich das Gefühl, er würde etwas Besonderes werden. Doch erst jetzt, nach gut 30 Stunden Spielzeit, wird mir klar, dass das auf mehr als eine Art stimmt. Denn Sandfalls Debüt wirkt im Hinblick auf gleich mehrere Dinge aufregend und geradezu umstürzlerisch wegweisend. Für mich ist es ein wahrhaft großes und wichtiges Spiel.
Ich werde hier jetzt nicht noch einmal alles Mechanische durchgehen, was das Spiel gut und richtig macht. Das habe ich bereits in diversen anderen Artikeln getan, zuletzt zum Release vergangene Woche. Hier will ich ein längeres Fazit ziehen und soll es um das “bigger Picture” gehen. Um das, was vor allem hängen blieb.
Von einem ”Glücksfall” von einem JRPG zu sprechen, ist fast eine Beleidigung
Und das ist eine Menge. Fast am wichtigsten ist die Erkenntnis, dass es längst nicht immer dreistellige Millionenbudgets und Teams von mehreren Hundert Leuten braucht, um eine Qualität zu erreichen, die man normalerweise von den ganz Großen des Business erwartet. Zugegeben, wir kennen die genauen Mittel nicht, die Sandfall zur Verfügung standen und die Leute, die hier arbeiten, haben zuvor bei großen Entwicklern gearbeitet, unter anderem bei Ubisoft. Game-Pass-Absprachen und Indie-Publisher Kepler haben sicherlich dafür gesorgt, dass die 30 oder so Angestellten nicht hungern mussten oder allzu großen Zeitdruck hatten. Aber wenn man andernorts die Verantwortlichen von Mega-Mannschaften explodierende Entwicklungskosten und -Aufwände beklagen hört, möchte man ihnen Clair Obscur unter die Nase halten.
Das wäre das eine. Das andere wäre, dass Sandfall sich gegen mehrere bedauerliche Trends auf einmal wehrt – wohlgemerkt, während es, ohne auch nur einen Millimeter zu wanken, über den Wellenkamm einer wahnsinnig zeitgemäßen Strömung surft (sich nämlich mit Gegnern, die kein Fallobst sind, das Beste aneignet, was uns die Soulslikes beschert haben). Clair Obscur geht etwa entschlossen gegen den Gedanken vor, dass Action-Kampfsysteme grundsätzlich fesselnder oder irgendwie einnehmender sind als rundenbasierte. Gleichzeitig kennt es alle Regeln gegen die Tranigkeit so manchen taktischen Regelwerks und erfindet gleich ein paar neue dazu.
Clair Obscur Test-Bilder
1 of 12 Caption Attribution Die ersten Schritte auf dem "Kontinent" sind atemberaubend.Es tritt trotz substanzieller, aber nicht zu langer Spieldauer entschieden gegen Videogames als Beschäftigungstherapie ein und gestaltet jeden Meter interessant und der Aufgabe gemäß. Nichts macht ihr hier nur, um noch ein wenig länger was zu tun zu haben. Und wenn ihr doch einmal eine der Abzweigungen nehmt, die offensichtlich nicht den Weg nach vorne markieren, dann nur, weil ihr richtig Lust darauf habt, auch die am Rande versteckten Perks, Waffen und Kostüme zu entdecken. Weiterhin strich Sandfall alle nur vermeintlich Tiefe erzeugenden Elemente, wie Inventarverwaltung, Ressourcenmanagement und übertriebenes Ausrüstungs-Gepuzzle aus dem Konzept, weshalb ihr immer das Wesentliche im Blick behaltet.
Bunte Truppe in Nachtschwarz
Wäre das schon alles, es wäre schon eine Menge. Ist es aber nicht. Clair Obscur verabschiedet sich von dem Gedanken, dass sich RPG-Partymitglieder in erster Linie durch ihr Aussehen, ihren Hintergrund und die Elementaraffinitäten unterscheiden, die sie attackieren. Hier ist jede der unverschämt attraktiven und toll gesprochenen Figuren so grundverschieden, dass es einen gehörigen Unterschied macht, ob ihr mal jemanden für den nächsten Dungeon aus der Party werft. Und vor allem stellt es eure Freiheit in den Vordergrund, eure Individualistentruppe stets der Situation angemessen anzupassen. Ich habe mich selten in einem Spiel dieser Art so sehr dazu angehalten gefühlt, die Charaktere so aufeinander abzustimmen wie hier.
Kurzum: Sandfall beweist wahnsinniges Fingerspitzengefühl bei der Platzierung seines Fokus’ und der Analyse seines Ziels. Herausgekommen ist ein Spiel, das trotz aller Traurigkeit immer wieder zielstrebig auf erheiternde Momente zusteuert – die kampfeslustigen Gestral-Holzpuppenwesen und hammerharten Pantominenkämpfe sind ein lustiges Highlight – und regelmäßig eine breite Bühne für unfassbare Badass-Momente bietet. Ich wage zu behaupten, dass ich seit Firaxis’ XCOM 2012 kein taktisches Kampfsystem mehr erlebt habe, bei dem man sich dermaßen cool und mächtig vorkommt, wie in diesem Spiel.
Clair Obscur: Expedition 33 - Launch Trailer | PS5 Games Auf YouTube ansehen
Ein Teil dieser Gleichung ist sicher, dass sich Clair Obscurs Skills nicht im Kleinklein von Winzeffekten verliert. Jede Attacke richtet substanziellen Schaden an, jede Parade verhindert ein Desaster, was den Griff zum richtigen Move und das Lesen der Feinde, so viel wichtiger macht. Nebenbei spielt man das hier nicht. Es ist kein Game, das man von einem Podcast begleiten lässt. Auch das ist eine mutige, bewusste Entscheidung, zu der sich so viele Spiele heute nicht mehr durchringen.
Mit berauschendem Resultat. Wenn man nach einer elend langen Tracht Prügel plötzlich die Animationen eines der dämonisch anmutenden Feinde korrekt liest, verräterische Geräusche heraushört, die beim Timing helfen und die entscheidende Schwäche erschlossen hat, um dann auf den letzten paar Millimetern Lebenskraft den Kampf mit einem perfekten Konter zu beenden, reißt man immer wieder aufs Neue die Faust in die Höhe! Ein unbeschreiblich befriedigendes Gefühl, wo ich in anderen JRPGs Zufallskämpfen und selbst von weitem signalisierten Fights oft mit Argwohn entgegensehe – manchmal will man einfach das Ziel einer Quest erreichen –, suche ich aktiv die Kämpfe in Clair Obscur.
Wann immer man in der Ferne einen neuen Gegner entdeckt, weiß man, dass das Spiel einem eine frische Herausforderung in den Weg stellen wird, ein kämpferisches Puzzle, das es zu lösen gilt. Wenn dann in Zeitlupe der entscheidende Hieb landet, dann fühlt sich das an, als feiere dieses Spiel das zusammen mit euch. Wundervoll!
Perfektion dort, wo es darauf ankommt
Das Erkunden der Welt – ich höre dieser Tage öfter, dass sich einige eine Karte gewünscht hätten. Es stimmt, dass Clair Obscur in den Dungeons keine hat und dass einige Bereiche eventuell ein wenig zu dunkel ausgeleuchtet sind. Aber tatsächlich hatte ich in den überwiegend linearen Bereichen mit zwei, drei Abzweigungen nur selten das Gefühl, einen Bereich zu verpassen. Meist ist der Weg nach vorn durch Laternen oder andere Elemente ausreichend markiert und auch, wenn das Spiel gut verschleiert, dass “der Kontinent”, auf dem ihr der unheimlichen “Malerin” nachstellt, die jedes Jahr einen kompletten Jahrgang an Menschen auslöscht, alles andere als weitläufig ist, geht man nicht verloren.
Die Story lässt sich unterdessen recht viel Zeit (nur um im letzten Drittel dann umso dramatischer zu werden) und verzichtet darauf, euch allzu viel über diese wohl verträumteste aller dem Untergang geweihten Welten zu erzählen. Manches Mal hat man deshalb das Gefühl, als sei man eher Zuschauer als Mitglied dieser verdammten Expedition, denn alle anderen scheinen mehr über Lumiere und seine Geschichte zu wissen als man selbst. Auf der anderen Seite kitzelte dieses bis spät ins Spiel befremdliche Szenario auf diese Weise auch meinen Sinn für Eskapismus, denn tatsächlich habe ich eine unwirkliche Welt wie diese noch nie erlebt. Die zauberhafte Unterwasserwelt aus dem frühen Kampagnenverlauf ist ein offensichtliches Highlight. Clair Obscurs Umgebungen wirken aber auch später noch regelmäßig zauberhaft und irrwitzig markant.
Sowohl in Gestaltung als auch in den Charakterschicksalen traute sich Sandfall jedenfalls einiges. Ebenso gewagt ist die Musik, die mit Gesang und orchestraler Instrumentierung an Opulenz kaum zu überbieten ist. Zu Beginn war mir das fast zu viel, doch mit der Zeit schälten sich immer wieder herausragende, mitreißende, aufwühlende Melodien in den Vordergrund.
Wunderschön, mit kleinen Makeln
Schade ist unterdessen, dass zur Vision dieser unwirklichen Welt auch gehört, dass zahlreiche Filter über der Grafik liegen. Und egal, wie viele ich abschalte … so richtig scharf wirkt das Spiel visuell nie. Auf dem Steam Deck gilt das unterdessen auch für die kleinen Texte, die für mich regelmäßig kaum lesbar waren. Angesichts der detaillierten Beschreibungen der Fähigkeiten und zahllosen Wechselwirkungen des Kampfsystems ist das für Handheld-Spieler kein kleiner Kritikpunkt. Immerhin: Die Performance auf dem Valve-Handheld ist auf niedrigen Einstellungen tatsächlich genießbar, auch wenn man seine Timings den 30 FPS anpassen muss.
Auf niedrigen, aber immer noch hübschen Einstellungen waren mit DLSS in 1080p auf meinem Gaming-Laptop mit RTX 3060 überwiegend 60 Bilder pro Sekunde drin. Auf Maximal-Settings sind auf dem Desktop-Rechner in 4K mit einer RTX 4080 Super dreistellige Bildraten aber in erstaunlich weiter Ferne. Für die verhältnismäßig großzügigen Konter-Timings sind aber auf 60 Bilder beschränkte Wiederholraten kein Problem, sofern sie stabil über die Glotze flimmern. Übrigens: Wer sich wegen des Schwierigkeitsgrads Sorgen macht: Auch ich habe in Titeln wie Sekiro oder Lies of Pi oft schwerwiegende Probleme, empfand aber die Timings in Clair Obscur immer machbar. Mehr eine Sache der Konzentration und Aufmerksamkeit anstatt von purem Skill.
Zu kritteln habe ich nur wenig: So ist die Menüführung manchmal nicht optimal, manche Dinge sind eingangs etwas verwirrend oder unzureichend erklärt und hier und da bleibt man mal an der Umgebung hängen. An zwei dieser drei Dinge spielt man nach einer Weile gekonnt vorbei. Das dritte... nun ja, es ist am Ende halt doch ein Indie-Spiel.
Clair Obscur: Expedition 33 – Fazit:
Clair Obscur ist die Sorte Spiel, bei der man bedauert, wenn es hinter einem liegt. Trost finde ich darin, dass es offensichtlich großen Anklang findet und wir in Zukunft weiter fest mit Sandfall rechnen können. Wir brauchen Studios wie diese, die alteingesessenen Teams eine lange Nase machen und eingefahrene Spielmechaniken wie Branchen-Gepflogenheiten so weit hinterfragen, dass man am Strang ihrer gebündelten Ideen komplette Genres aus dem Dreck ziehen kann. Denn gute Güte, macht es Spaß, das erste Mal seit Jahren in einem Rundenkampf nach JRPG-Muster mal wieder so was wie Angst und Spannung zu spüren. Wenn es nach mir geht, ist Clair Obscur: Expedition 33 deshalb das erste einer neuen Art von Rollenspiel – eine, die unsere Zeit respektiert und sich daran erinnert, dass es besser ist, wenn sie das Spielen uns überlassen, anstatt es uns immer weiter abzunehmen. Merci beaucoup!
Clair Obscur: Expedition 33 PROCONTRA- Brillantes, durchweg spannendes Kampfsystem
- Unverbrauchtes, melancholisches Szenario
- Perfekt austariertes Herausforderungsprofil, erstaunlich frustfrei
- Optisch und gestalterisch eine Wucht
- Führt bis spät ins Spiel hinein noch neue Systeme ein
- Fantastische Sprecher
- Einige grafische Filter, die man lieber abstellt
- Tutorial an einer dramaturgisch ungünstigen Stelle und nicht alles gut erklärt
- Menüführung nicht immer optmal









