Ich falle mal gleich mit der Retro-Tür ins Haus und sage es: Tenchu. Während meiner Stunden mit Assassin’s Creed Shadows hatte ich zwar auch ganz viel Assassin’s Creed bekommen, aber immer wieder, wenn es zur Sache ging, dachte ich mir, dass dies so aussieht und sich spielt, wie wir uns damals Tenchu gewünscht hätten. Und wir haben Tenchu schon so geliebt!

Wer sich nicht mehr an die PS1/2-Serie erinnert, die dann leider in der Bedeutungslosigkeit versank: Mit einem Ninja infiltrierte man im alten Japan alle möglichen Wohn- und Arbeitsstätten der Mächtigen und tat Dinge, die Leute so tun, die in Schatten auf Dachbalken lauern. Nicht so viel anders als ein Assassine, insoweit ist es immer noch erstaunlich, dass wir so lange auf Assassin’s Creed in Japan warten mussten.

Das Ergebnis kann sich aber sehen lassen. Nach dem eher trüben und braun-grün-mittelalterlichen Britannia geizt Japan nicht mit seinen Reizen. Liebliche, grüne Täler, natürlich Kirschblüten, liebevoll gestaltete Architektur passend zu der Zeit um 1570, farbenfrohe Gewänder, die durch die rechen Viertel ziehen, authentische Kleidung der Zeit in den armen Gegenden. Assassin’s Creed legte schon immer zum Teil von seinen Welten und mit Japan legte man sich richtig ins Zeug. Unabhängig von allem: Wenn ihr Interesse an der Zeit habt, Fan von dem Look seid, Shadows ist eine Reise wert, allein, um sich Japan anzuschauen.

Spielerisch fällt natürlich der Split ehemals einer Figur in jetzt zwei auf. Ich spreche jetzt in reinen Gameplay-Begriffen, denn darum geht es am Ende mehr als um wer diese beiden Charaktere eigentlich sind. In fast jedem Assassin’s Creed hattet ihr einen Charakter, mit der Ausnahme von Syndicate und die beiden waren so ähnlich, dass es auch keine Rolle spielt. Diese Charaktere konnten alle genauso gut kämpfen, wie sie klettern konnten.

Dieses Universaltalent ist jetzt geteilt. Der große, starke Samurai rennt durch Türen und haut Feinde mit einem Schwertschlag um, aber schnell mal ein Haus hochklettern ist nicht seine Sache. Es ist fast niedlich, wie er auf einer Mauer versucht, die Balance zu halten. Mit all dem hat das kleine Ninja-Mädchen nicht die geringsten Probleme und kann beim Klettern Katzen abhängen. Sie ist leiser, schneller und agiler, Tenchu, so wie es sich in unsere Vorstellung spielte, aber nie tat. Und wehe, sie wird entdeckt und gerät in einen echten Nahkampf, das dauert dann nicht sehr lange und eigentlich sollte man eh ganz schnell flüchten.

Assassin's Creed Shadows - Screenshots

1 of 23 Caption Attribution Tenchu-Vibes! (Assassin's Creed Shadows - Preview)

Ich war erstaunt, wie konsequent diese Teilung hier durchgezogen wurde. Ich nahm an, dass im Grunde wieder beide das Gleiche können, mit leichten Variationen, aber schon eine kleine Nebenquest mit einer Handvoll betrügerischer Händler im Hafen belehrte mich eines Besseren. In fünf Versuchen schaffte ich es nicht, mit der Ninja alle zu erledigen, bevor mich doch noch einer erwischte. Es ist nicht unmöglich und mit mehr Übung geht es sicher alles irgendwie, aber der Unterschied zum Samurai hätte nicht drastischer ausfallen können.

Mit ihm konnte ich mich zwar nicht so elegant anschleichen, um das Hauptziel dramatisch von oben anzufallen und zumindest schon mal ordentlich Schaden zu verursachen, aber wozu auch. Ich ging einfach mit der Selbstsicherheit des größten Typen am Ort, mit dem größten Schwert in der Hand hin und erledigte die Bande im ersten Anlauf, ohne auch nur seine Moves wirklich zu kennen. Nicht, ohne ein paar Treffer einzustecken, denn das Kampfsystem hat seine Nuancen und Tücken, die man lernen muss, aber trotzdem.

Heilung ist dabei auch ein Faktor, denn der Samurai hat davon mehr als die Ninja, die hat generell weniger Energie, die beiden Spielstile unterscheiden sich wirklich drastisch. Ihr könnt nicht mit ihr durchpowern und das Beste hoffen, so wie ihr mit ihm nicht die Abkürzung über die Dächer nehmen könnt. Gewechselt wird jederzeit, außer mitten im Kampf oder in großen Hauptmissionen. Hier müsst ihr euch vorher entscheiden, wobei ihr schon eine generelle Vorstellung bekommt, was euch erwartet. Das finale Event des Anspielens war erst die Infiltration einer Burg, in der ihr möglichst dezent ein paar Verräter unter den Wachen erledigen sollt. Das geht natürlich gut, wenn man sich von oben die Lage angucken kann und sich dezent für seine Attentate anschleichen kann.

Der zweite Abschnitt machte direkt klar, dass ihr eine Gruppe von etwa zehn Wachen in einem kleineren Areal erledigen müsst. Das ist wohl eher eine Aufgabe für den Tank. Der letzte Abschnitt ist dann für beide geeignet: Tretet die Vordertür des Haupthauses ein und arbeitet euch fünf Stockwerke nach oben durch die Wachen oder schlüpft weiter oben durch ein Fenster und meuchelt euch dann mit Heimlichkeit drinnen weiter.

Die Aufteilung wird hoffentlich nicht in allen Missionen so plakativ ausfallen und draußen in der offenen Welt ist es eh Geschmackssache. In das Wohnhaus eines ortsbekannten Verbrechers hereinzuspazieren und alle umzuhauen hat seinen Reiz, aber sich auf dem sehr begrenzten Areal zu verstecken und heimlich zu meucheln macht aus Spaß. Mir sogar deutlich mehr, sodass ich fast ausschließlich als Ninja spielte. Dass die Angriffskraft drastisch reduziert wurde, ist dabei ein echter Bonus, denn statt einfach nur mit den Achseln zu zucken und dann doch alle umzuprügeln begannen panische Versteckspielchen, wenn man das Attentat auf die beiden Elite-Wachen verbaselt hat und dann mit einem entschuldigenden Lächeln vor ihnen stand.

Bei der Flucht half dann ein neuer Move ungemein: Man kann sich jetzt hinlegen und auch durch nicht so hohes Gras robben. Das hat den Nachteil, dass man nicht so beweglich ist und versuchte Attentate aus dem Gras lassen sich vom Gegner leichter kontern, aber als zusätzliche Option habe ich es häufig und gern genutzt. Wenn dann gekämpft wird, haben beide Charaktere ein stattliches Arsenal, wobei der Samurai natürlich die großen Waffen mit mehr Wucht und Reichweite, während man als Ninja eher mit handlicheren Schwertern und Stöcken hantiert. Schusswaffen gibt es, wobei die frühen Feuerwaffen hohe Durchschlagskraft haben, aber natürlich das Gegenteil von dem Stealth sind, die Bögen bieten. Schließlich habt ihr noch ein paar Wurfdolche und -sterne. All das lässt sich wie gehabt in personalisierte Set-ups packen, sodass ihr die beiden exakt nach euren Vorlieben immer bereit habt.

Also ja, nach ein paar Stunden war ich ein Fan der Teilung in zwei spielerisch sehr unterschiedliche Charaktere. Die Missionen und Randaktivitäten schienen sich dieser Teilung meist bewusst und boten beiden Spielstilen genug zu entdecken und auszunutzen, beides hatte klare Vor- und Nachteile und vor allem: Beides machte Spaß! Assassin’s Creed brauchte diesen Wechsel weg vom allmächtigen Fassadenkletterer-Superkämpfer, der in allem gut ist, hin zu einer solchen Abwägung von Spielstilen, um dem Ganzen ein wenig frischen Wind zu geben. Nach ein paar Stunden bin ich so weit zu sagen, dass dieses Experiment geglückt sein könnte.

Was die Story angeht: Ich erwarte nicht viel und bekam bisher auch nicht viel mehr als das. Beide Hintergrundgeschichten sind ungefähr das, was mir als Rollenspielmeister als Erstes dazu einfallen würde. Und ein allzu brillanter Meister war ich nie. Wie sich das dann entwickelt, wird man sehen, aber es wurde schon relativ deutlich, dass einmal mehr eine geheime Gruppe an Mächtigen gibt, die man aus dem Verkehr ziehen soll. Das übliche halt, nicht so anders als in vorigen Assassin's Creeds. Verschwörungs-Blah halt, Animus-Blah inklusive. Sorry, so gern ich das spiele und so irrsinnig gut das alles aussieht: Wenn ich mir einen Twitter-Account anlegen würde, bekäme ich sicher eine spannendere Verschwörungsstory von irgendeinem verstrahlten Redneck aus Iowa. Ich will Shadow in diesem Punkt noch nicht abschreiben, vielleicht wird das alles noch super, aber der Start hätte besser laufen können.

Dafür ist es aber nett umgesetzt, wie ihr diese Verschwörer aushebt. Wie gehabt, habt ihr zunächst eher eine vage Vorstellung, wer gesucht sein könnte und arbeitet euch über lokale Verbindungen an seine Identität heran. Die Hinweise erarbeitet ihr euch zumindest zum Teil selbst, denn die Questmarker für die eigentlichen Ziele halten sich sehr zurück und ihr bekommt Hinweise, wo ihr hinmüsst, statt direkt mit dem Finger darauf zu zeigen. Das gab es auch schon vorher, aber in Shadows fand man nun scheinbar die richtige Balance zwischen so vage, dass ich mein Gehirn einschalten muss, aber nicht so vage, dass ich zu ewig rumrenne. Machte Spaß.

Auch war zumindest der erste Eindruck, dass man die Nebenquests etwas komplexer aufgebaut hat. Es mussten ein paar Orte angelaufen werden, ein paar Hinweise gefunden und erst dann bekam man einen Eindruck, was eigentlich los ist, bevor man sich daran machen konnte, dem eigentlichen Ziel aufzulauern. Natürlich gibt es auch wieder ganz, ganz viel, was man tun kann, eine eigene Basis entwerfen inklusive. Setzt Häuser und Büsche, postiert Wachen und sonst was. Man muss die eigene Gefolgschaft ja bei Laune halten. Ich bin kein großer Fan solcher Ablenkungen in Action-Adventures, aber das hier sah unterhaltsam und unaufdringlich genug aus, dass ich wohl zumindest ein wenig damit beschäftigen werde.

Assassin’s Creed Shadows macht nicht alles anders, aber genug, um mich zurück zur Serie zu holen. Die Aufteilung in zwei Charaktere ist exakt der richtige Schritt. Auf diese Weise werden Fähigkeiten eingeschränkt, ohne dass es sich wie eine Reduktion früher vorhandener Möglichkeiten anfühlt, sondern mehr nach einer taktischen Überlegung mit welchen ich in die Schlacht ziehen will. Sicher, ich mag Stealth mehr als offenen Nahkampf und so werde ich wohl eher Ninja als Samurai spielen. Aber das kann man auch anders sehen und Assassin’s Creed Shadows behandelt das zumindest dem ersten Eindruck nach als gleichwertige Option. Und ja, die Missionen waren um ein Vielfaches spannender, wenn man nicht alles kann. Um nicht zu sagen, so viel spielerischen Spaß hatte ich mit der Serie schon seit sehr langer Zeit nicht mehr wie hier kauernd im Mondschein auf einem Dach in Japan.

Es hilft auch, dass dies - sicher, wenig überraschend - das mit Abstand schönste Assassin’s Creed ist. Für mich hatte der Reiz der Optik seit Odyssey eher abgebaut, aber mit Shadows ist man zurück im Geschäft und ja, ich bleibe dabei, ich würde das auch spielen, wenn es nur ein Walking-Simulator wäre. Das Setting gibt es her und die Optik ist einfach ein Traum. Auch wenn ich es dieses Jahr vielleicht im Gegensatz zu unseren Redakteurinnen nicht nach Japan schaffen werde, zumindest auf dem Screen kann ich mich darauf freuen, dass diese Reise hier im Frühling startet. Wer weiß, vielleicht kann ich mich am Ende sogar nicht nur an tolle Technik und coole Ninja-Moves erinnern, sondern sogar an eine Story und die Namen der Charaktere. Bis dahin müssen Samurai und Ninja reichen.