Wer bei Firewatch den Sonnenuntergang in der Wildnis aufgesogen hat und bei Edith Finch die Melancholie, der wird sich auch im Eis von Arctic Awakening umsehen wollen – selbst wenn nicht alle Elemente zünden.

Ein Flugzeug, ein Sturm, ein Absturz mitten im Nirgendwo: Arctic Awakening startet wie ein Katastrophen-Thriller. Pilot und Protagonist Kai verliert im Chaos seinen Partner Donovan, der kurz vor dem Aufprall mit dem Fallschirm aus dem Flieger springt. Kai selbst landet im arktischen Ödland – allein mit Alfie, einem schwebenden Roboter, der mehr Labertasche als Survival-Assistent ist. Offiziell als „Therapie-Bot“ programmiert, inoffiziell ein nerviger, aber auch tröstender Begleiter im ewigen Eis. Es ist auf jeden Fall eine Ausgangslage, die sofort packt – ein Mix aus der Intimität von Firewatch, der Melancholie von Edith Finch und der gnadenlosen Kälte von The Long Dark.

GoldFire Studios inszeniert hier einen klassischen „Walking Simulator“ im besten Sinn: eine Geschichte, die sich über Dialoge, Erkundung und ein paar leichte Survival-Mechaniken entfaltet – weniger komplex, dafür atmosphärisch.

Zwischen Schneesturm und Sci-Fi-Labor

Was nach dem Absturz folgt, ist kein Survival-Hardcore, sondern ein erzählerischer Spaziergang durch Wälder, über Eisflächen und durch verlassene Forschungsstationen. Kämpfen? Fehlanzeige. Rätsel? Nur in homöopathischen Dosen. Stattdessen: laufen, zuhören, Entscheidungen treffen. Mal durch halb offene Areale, wo sich Pfade verzweigen, mal durch Räume, die wirken, als sei dort eben noch jemand gewesen. Kaffeebecher auf dem Tisch, Akten auf dem Schreibtisch – nur die Menschen fehlen. Dieses Nebeneinander von Wildnis und Sci-Fi-Kulisse hat etwas Surreales, fast so, als sei man auf einem fremden Planeten abgestürzt.

Das Flugzeugwrack ist quasi eure Homebase.

Interaktionen sind bewusst reduziert. Die meisten Türen öffnen sich per Handscan, Alfie lädt Daten herunter, und hier und da sammelt ihr Werkzeuge, Brennholz oder Snacks. Das Hunger- und Durstsystem sorgt für Druck, da Kai bei Vernachlässigung spürbar abbaut. Ihr solltet also möglichst alle herumliegenden Chipstüten, Instant-Nudeln und Getränke einsammeln.

Ein gut gemeinter Kniff ist die Achtsamkeitsmechanik, denn auch Kais geistige Gesundheit spielt eine Rolle. Steinstapel markieren Orte, an denen Kai innehält, tief durchatmet und seine mentale Balance stabilisiert. Eigentlich eine schöne Idee, weil sie auch uns Spieler daran erinnert, kurz innezuhalten. Doch sie steigert den Spielspaß kaum, zumal das ohnehin eher gemächliche Gameplay eigentlich keine zusätzliche Entschleunigung braucht. Aber wer weiß – vielleicht zieht das Tempo in den späteren Kapiteln ja noch an.

Gameplay light

Ich habe zwei der fünf Kapitel gespielt, jedes rund zwei Stunden lang. Dass die Aufgaben in einem Walking Simulator nicht besonders komplex sind, überrascht nicht – ein wenig mehr spielerische Herausforderung hätte ich mir trotzdem gewünscht. Meistens lauft ihr schlicht von A nach B, um etwas einzusammeln: anfangs Brennholz, Nahrung oder Wrackteile, um eure Zuflucht vor dem eisigen Wind zu sichern. Oder ihr wuchtet schwere Steine, um ein „S.O.S.“ in den Schnee zu legen und so eure Chancen auf Rettung zu erhöhen.

Wie schon in Firewatch und anderen Genrevertretern dient das Gameplay eher als Bühne für die Story – und die versucht, ein großes Geheimnis im Eis aufzubauen. Wo ist Donovan? Warum wirken die Gebäude, als hätte man sie erst gestern verlassen? Und welche Forschung wurde hier betrieben?

Der Grafikstil bleibt insgesamt schlicht, sorgt aber trotzdem immer wieder für stimmungsvolle Bilder.

Während ihr diesen Fragen nachgeht, unterhaltet ihr euch mit Alfie oder per Funk mit Donovan, den ihr finden müsst, bevor er erfriert oder verhungert. Die Gespräche sollen das dünne Gameplay kaschieren, doch genau dabei gerät Arctic Awakening immer wieder ins Straucheln. Statt monotone Laufpassagen aufzulockern, ziehen endlose, passiv-aggressive Wortgefechte zwischen Kai und Donovan sie oft nur noch weiter in die Länge. Sollte man in so einer Situation die Kommunikation nicht lieber aufs Wesentliche reduzieren – schon um die Batterien zu schonen? Und wenn Kai sich zum x-ten Mal darüber auslässt, dass Alfie im Überlebenskampf keine große Hilfe ist, möchte man ihn am liebsten ein paar Ohrfeigen verpassen.

Arctic Awakening - Launch Trailer Das Spiel bietet eine englische Sprachausgabe, wird aber durch deutsche Untertitel begleitet.Auf YouTube ansehen

Und doch gibt es magische Momente: Ihr steht auf einer Klippe, blickt ins Tal – und da unten zeichnet sich im Schnee plötzlich ein Gebäude ab. Neugier treibt euch hinunter, während sich ein mulmiges Gefühl im Bauch breitmacht. Als ihr die Tür öffnet, die Funkverbindung abbricht und ihr den ersten Schritt in so ein Labor setzt, entfaltet Arctic Awakening sein volles Potenzial. Plötzlich liegt eine eigentümliche Mischung aus Isolation, Anspannung und Vorfreude in der Luft. Dieses eigenartige Schwanken zwischen der Sehnsucht, endlich jemandem zu begegnen, und der Angst, dass sich genau diese Begegnung als Bedrohung entpuppen könnte, sorgt für echte Spannung. Obwohl es kein Horrorspiel ist, hatte ich mehrfach Gänsehaut.

Technik mit Stolperfallen

Optisch wirkt Arctic Awakening eher reduziert. Die weiten Schneelandschaften erzeugen mit ihrem endlosen Weiß und dem Spiel von Licht und Schatten zwar eine stimmige Atmosphäre, doch Texturen und Details bleiben schlicht, oft fast steril. Immerhin findet das Art Design häufig die richtige Balance zwischen Naturidylle und Sci-Fi-Mystery. In manchen Augenblicken – wenn sich die Sonne über die Klippen schiebt oder plötzlich ein Lichtstrahl die Dunkelheit durchbricht – ist die emotionale Wucht umso stärker.

1 of 7 Caption Attribution Die Mischung aus Survival und SciFi-Mystery entwickelt einen interessanten Sog.

Technisch hingegen fehlt es klar an Feinschliff. Immer wieder blitzen Objekte durch andere hindurch, dazu gesellen sich Bugs und Glitches. Zwar erschien kurz nach meinem Spielstart ein Patch, der einiges davon beseitigte, doch Kai bleibt beim Stapfen durch den tiefen Schnee immer noch gern an unsichtbaren Hindernissen hängen.

Unterm Strich hinterlässt Arctic Awakening einen gemischten Eindruck: atmosphärisch stark, mit spannenden Mystery-Momenten, aber technisch wacklig und erzählerisch nicht immer fokussiert. Wer Geduld mitbringt, wird trotzdem mit einigen stimmungsvollen Stunden im Eis belohnt – zumindest basierend auf meinen bisherigen vier Stunden Spielzeit. Mich hat das Gesamtpaket so weit überzeugt, dass ich auch die restlichen Kapitel unbedingt erleben möchte – schon allein, um den Geheimnissen auf den Grund zu gehen, die nicht nur im Eis, sondern auch in Kai verborgen liegen.