Anno 117: Pax Romana verabschiedet sich vom Hightech seiner Vorgänger. Ja, auch 1800 ist Hightech, wenn man gerade an einer besseren Amphore bastelt
Zuletzt mal wieder Cities: Skylines gespielt zu haben, war hier nicht die beste Idee. Für ein Anno holt man sich da gleich die falschen Angewohnheiten. Und Anno 117: Pax Romana ist durch und durch ein Anno. Straßen zieht man nur, damit alles irgendwie verbunden ist, aber das weitestgehend ohne Rücksicht auf den Verkehr. Betriebe bringen kein Geld, sie kosten welches, Häuser kann man so viele wie man will und Holz hat in die Landschaft setzen. Aber bitte nicht da, wo es nötig ist, um die Warenwirtschaft am Laufen zu halten.
Nach einer Stunde hatte ich mir das Schlimmste wieder abgewöhnt und begann langsam den Kreislauf in Gang zu bringen. Holz wurde gefällt, verarbeitet, Leder gegerbt, Amphoren getöpfert. Das Ganze begann langsam wie eine anständige Antike zu laufen auf meiner kleinen Insel. Seefahrt war noch kein großes Thema, erst mal lokal alles in Schwung halten. Es ist erstaunlich, wie die Zeit bei diesen Spielen verfliegen kann. Ein wenig hier optimieren, dort den Platz für die Schaffarm und den Flachsanbau umstrukturieren, die Häuser von einfachen Lehmbuden auf anständige Stein-Domi upgraden und schon war wieder eine halbe Stunde rum.
Alles fängt irgendwo mit einer Lehmhütte an. (Anno 117: Pax Romana)Dann begannen die Probleme. Die Bevölkerung wird anspruchsvoll, denn bisher hatte ich es nur mit einfachen Siedlern zu tun, die froh waren, wenn jeden Tag Fisch und Brot auf den Tisch kam. Nachdem mein kleiner Provinzaußenosten aber so verheißungsvoll begann echte wirtschaftliche Reichtümer zu ermöglichen, kamen die ersten höheren Gesellschaftsschichten mal vorbeizuschauen und die haben Ansprüche. Plötzlich musste Wein in die Amphoren, die bitte in hübscheren Umgebungen zu servieren seien. Und hier stieß meine Eigenversorgerkommune ganz schnell an ihre Grenzen. Es gibt einfach nur so viel an Dingen auf jeder einzelnen Insel und das reicht zwar für einen Start, aber dann wird es Zeit sich in der großen weiten Ägäis – oder wo auch immer wir genau sind – umzusehen.
Eine frühe Quest, die ich bis dahin geflissentlich ignorierte, war der Bau eines etwas solideren Schiffes. Mit diesem ging es dann los und was sich vorher in Popups und Menüs andeutet, begann sich zu bewahrheiten: Hier steckt nicht viel weniger Diplomatie als in einem Civ drin. Anno 117: Pax Romana zieht für mein Gefühl schneller bei diesen Aspekten an als es seine Vorgänger taten und die Diplomatie wurde auch etwas erweitert.
Da es ein ganzes Pantheon an Göttern gibt, ist es für die Gegenseite auch wichtig, in welche Richtung ihr euch gesellschaftlich und religiös entwickelt und wie kompatibel man da untereinander ist. Grundlegender Handel ist eigentlich fast immer möglich, solange es nicht feindselig wird, aber für echte Beziehungen ist ein gewisses Maß an Kompatibilität nicht unwichtig. Das beeinflusst auch die verschiedenen Kolonien hier gegenseitig. Schließlich will man nicht unbedingt eine Richtung einschlagen, die die wichtigen Handelspartner verschreckt.
Bis zum Militär-Teil bin ich nicht gekommen, aber ich hatte schon einen Blick auf ein paar Nachbarn geworfen, für die so etwas nötig werden könnte. Sie haben jedenfalls schon fleißig gebaut. (Anno 117: Pax Romana)Viele davon habe ich noch nicht sehen und mehr erahnen können, denn nach etwas über zwei Stunden einer dreistündigen Spielsession kam ich an den Punkt, wo der grundlegende Aufbau meiner Kolonie getätigt war und das diplomatische Spiel beginnen muss. Denn um mich herum waren praktisch keine Inseln, die ich einfach für mich in Beschlag hätte nehmen können, eine Armee hatte ich noch nicht aufgebaut und die Handelsbeziehungen liefen erst zart an. Das war der Punkt, an dem klar war, dass ich mich entweder Abschied von meinem ersten Spielstand in Anno 177 nehmen muss oder irgendwie das gestreamte Spiel kapern, um dann die ganze Nacht weiterspielen zu können. Letzteres schien weder technisch möglich noch diplomatisch mit Ubisoft sinnvoll, also sagte ich schweren Herzens adieu.
Aber ja, die potenzielle Zukunft meiner Anno-Siedler sah glorreich aus: neue Handelsschiffe waren schon im Bau, ich begann mich mit den Möglichkeiten der Armee zu beschäftigen, ich begann die benötigten Materialien gegen das, was ich hatte einzutauschen, neue Verwaltungsgebäude poppten im Bau-Menü auf… Ja, es werden lange Nächte, wenn das Spiel erst mal auf der eigenen Platte läuft. Nichts davon ist jetzt komplett unbekannt oder neu, Anno 117 ist Anno, es will Anno sein und ihr bekommt dann auch Anno. Wer einen kompletten Umschwung in irgendwas anderes erwartet hat, dann weiß ich nicht warum, aber es wird wohl nicht passieren.
Ja, sind Bullshots, aber nur ein wenig. Wenn man nah ranzoomt und alle Grafikfeatures hochstellt, sieht es wirklich nett aus. (Anno 117: Pax Romana)Mit dem Setting geht aber einher, dass es sich nach dem hochgezüchteten Anno 1800, von 2205 mal ganz zu schweigen, wieder alles sehr ursprünglich anfühlt. Wir sind zwar nicht ganz am Start der Zivilisation, aber ein gutes Stück näher dran und der Aufbau einfacher Güter vom Start gibt ein fast vertrautes Siedler-Civ-Feeling von vor vielen Jahren her. Mehr sogar noch, als es bei der Serie je der Fall war. Sicher, meine teils vorgefertigten und eingesessenen Konkurrenten auf anderen Inseln zeigten schon live, wo es teilweise hingehen kann, mit prächtigen Tempeln und großen Häfen. Aber trotzdem, Anno 117: Pax Romana bringt einen eigenen rustikalen Charme mit, den die Reihe zumindest in diesem Zusammenhang gut vertragen kann. In diesem Falle stärkt das dezent an diffuses Retro angelehnte Spielgefühl den Spielspaß deutlich.
Es hilft dabei natürlich, dass man es auf den Äckern, Straßen und Baustellen ordentlich wuseln lässt. Für ein Spiel dieses Genres gehört es einfach dazu, dass es ordentlich was zu gucken gibt, wenn die Warenkreisläufe rotieren, und Anno 117: Pax Romana enttäuscht dabei nicht. Selbst jetzt, mit noch zahlreichen Monaten des Feintunings vor sich, war es schon ein echtes Vergnügen, die kleinen Togaträger zu beobachten. Bei den Gebäuden fehlte noch ein wenig die SimCity-Abwechslung. Gerade meine Wohngebäude, die sich in Reih und Glied sortierten, weil es so nun mal am effizientesten ist, könnten etwas Individualismus vertragen. Sicher, es ist kein Cities oder so etwas und Zusammenhänge müssen auf einen Blick erkennbar bleiben. Aber ein wenig mehr Freude an Non-Konformität dürfen die Römer noch entwickeln.
Davon abgesehen sind Schönbauer wie auch in 1800 gefragt und gefördert, denn die dekorativen Elemente geben wieder Boni und es macht Sinn eine Stadt ästhetisch wertvoll zu gestalten, selbst wenn das die direkte Effizienz senkt. Es sollte also wieder etwas für jeden Baumeister dabei sein, auch für die, die für die Schönheit spielen.
Schiffe werden wieder einmal ein zentraler Teil des Spiels. Aber erst in der dritten oder vierten Stunde. Anno 117, wir sehen uns irgendwann im Laufe des Jahres wieder.Akustisch passt fast alles. Musik? Sehr guter erster Eindruck. Effekte? Passt, das, was es sein muss und klingt gut. Sprache? Nun, fast alles okay. Die meisten Sprecher waren ganz normal und sagten ihre Sätze mit dem nötigen Mindestmaß an Elan. Aber eine Sprecherin übertrieb es maßlos und vor allem grundlos. Mit einer Stimmlage, die nach „Die Stadt ist am Abgrund und das Rutschen ist nicht mehr aufzuhalten“ klang, sagte sie ganz banale Dinge. Wie: „Wir haben nicht genug Holz für diese Produktion“ oder Ähnliches. Diese Tonlage hatte sie jedes Mal parat, egal welche Nichtigkeit sie zu bemängeln hatte. Diese an sich sicher gute Sprecherin würde ich noch mal vor das Mikro holen und ihr klarmachen, dass es nicht das Ende der Welt ist, wenn wir an einem Haus mal nicht genug Fisch haben. Ist ja noch ein wenig Zeit.
Anno 117: Pax Romana wird das Übliche im allerbesten Sinne: Ein wundervoller Zeitfresser von einem Aufbau- und Strategie-Spiel, das alles bietet, was die Serie auszeichnet. Nur, dass es sich auf die beste Art nach „Back to Basics“ anfühlt. Ihr baut von Grund auf, Fischer, Holzfäller, Töpfer, es ist alles ein paar Nummern kleiner als die Zukunft oder die nähere Vergangenheit, die man zuletzt erkundete. Das bringt ein klein wenig Civ-Charme mit in die Anno-Abläufe und ich glaube, dass das dem Spiel gut stehen wird. Handel und Diplomatie wirken unmittelbarer und greifen schneller in das Geschehen ein und ich bin auf jeden Fall auch gespannt auf den Kampf mit Legionen. Nun, nach etwas über zwei Stunden hatte ich noch keine nennenswerte Armee, das muss noch warten. Aber es ist praktisch garantiert, dass ich in Richtung Herbst oder Winter ein paar Abende fest für Anno 117: Pax Romana einplanen muss. Ich freue mich jetzt schon darauf.









