Amerzone: The Explorer’s Legacy im Test – Dieses Remake wirkt wie ein Wandersimulator, obwohl es die in den Neunzigern noch gar nicht gab
Ob sich der vor vier Jahren verstorbene Benoit Sokal darüber gefreut hätte, wenn sein allererstes Adventure so originalgetreu zurückgekehrt wäre? Nicht falsch verstehen: Amerzone the Explorer’s Legacy ist ein vollständiges Remake, das rein technisch nichts mit dem damaligen Spiel gemein hat. Gleichzeitig stammen alle Rätsel und Räume in diesem Erzählspiel aber unverkennbar aus dem von Myst inspirierten First-Person-Abenteuer.
Das mit Myst hat Sokal jedenfalls selbst zu Protokoll gegeben und es zeigt sich dort, wo man sich aus der Ego-Perspektive durch eine stimmungsvolle Welt puzzelt, die zur Zeit des zweiten Weltkriegs stehengeblieben scheint. Metallene Hebel, ächzende Mechanismen, steinerne Mauern sowie Maschinen, die dem Geist Jules Vernes‘ entsprungen sein könnten – eingebettet in den südamerikanischen Dschungel, wo ein Großteil des Abenteuers spielt: Das und sogar ein Hauch Fantasy erwarten euch in Amerzone: The Explorer’s Legacy.
Was ihr dort macht? Ihr seid auf den Spuren des vor euren Augen verstorbenen Wissenschaftlers Alexandre Valembois, der vor vielen Jahren eine bemerkenswerte Entdeckung in dem fiktiven Land Amerzone gemacht hat und einst mit dem dort herrschenden Diktator befreundet war. Was es mit all dem auf sich hat, werdet ihr natürlich erst herausfinden, wobei ihr nicht allzu viel Zeit dafür einplanen müsst: Etwa zehn Stunden dauert die fantastische Reise.
Wobei es natürlich um viel mehr geht, als anfangs zu erkennen ist. Immerhin trug Valembois ein Geheimnis mit sich herum – einen Fehler, den er wiedergutmachen wollte. Und eigentlich sind es sogar zwei Fehler, denn ein Teil davon betrifft ihn ganz persönlich: seine große Liebe, die er dort traf. Diese zwei Geschichten sowie das Fragezeichen über dem vom Rest der Welt abgeschottetem Land Amerzone sind die zentralen Handlungsstränge, denen man als junger Journalist nachgeht – mehr als 60 Jahre nach Valembois damaliger Expedition.
Leichte Rätsel, (manchmal) schwer gemacht
Ich mochte es, dafür seinen alten Diaprojektor zu bedienen, in einem alten Taucheranzug unter Wasser zu laufen sowie das krude, aber auf fantastische Art auch hochmoderne Flugzeug des Wissenschaftlers zu besteigen, um damit über den Atlantik zu fliegen, bevor es sich in ein U-Boot, einen Helikopter und schließlich ein Segelschiff verwandelte. Der clevere Forscher hatte die Reise nämlich minutiös geplant, bevor er sie gar nicht mehr selbst antreten konnte.
Es sind ja überwiegend leichte Rätsel, die man lösen muss, um ein Passwort herauszufinden, Hebel in der richtigen Reihenfolge zu drücken oder ein versteckte Truhe aufzuspüren. Tatsächlich läuft das Adventure weitgehend auf Schienen – buchstäblich sogar, wenn man bedenkt, dass man sich zwar frei umsehen, aber nicht frei bewegen darf. Stattdessen klickt man sich von einer vorgegebenen Position zur nächsten.
Dort geht es dann überwiegend darum, einen Gegenstand oder eine Information zu erhalten, die man anschließend an anderer Stelle einsetzt. Das geweifte Kombinieren oder Knacken vertrackter Puzzles, wie man es aus anderen Adventures oder auch Myst, kennt spielt in Amerzone eine eher untergeordnete Rolle.
Amerzone: The Explorer's Legacy im Test 1 of 9 Caption Attribution Wichtige Teile der Geschichte werden in Zwischensequenzen erzählt, die wie alte Filme wirken.Knifflig kann das trotzdem werden, wenn man einen der mitunter praktisch nicht erkennbaren oder auch unlogisch platzierten Interaktionspunkte übersieht. Zumindest habe ich mehrmals eine Lösung längst gewusst, konnte das Rätsel aber nicht lösen, weil ich die dafür benötigte Stelle einfach nicht fand. Das gelang mir erst, nachdem ich mir alle Interaktionspunkte anzeigen ließ. Natürlich ist es gut und hilfreich, dass das geht! Blöd nur, dass ständige HUD-Anzeigen nicht gerade das gemütliche Puzzeln fördern.
Ach, und wozu musste ich eigentlich einen Beninkanister finden, obwohl ich längst einen dabei hatte? Sobald es um das etwas anspruchsvollere Um-die-Ecke-Denken geht, sind einige der Aufgaben leider so konstruiert, dass gar nicht erst klar ist, woran es eigentlich hakt.
Im Notfall gibt es dann immerhin ein Hilfesystem, das mir richtig gut gefällt. Denn zum einen muss man das natürlich nicht nutzen – ja, man kann sogar sein Vorhandensein im Menü deaktivieren –, doch wenn man es einsetzt, erhält man schrittweise kleine Hinweise zu der ausgesuchten Aufgabe. Dieses behutsame Hinführen sorgt wenigstens dafür, dass man nie das Gefühl hat, ein Rätsel quasi zu überspringen.
Wem das Rätseln selbst dann noch zu viel ist, der aktiviert nicht zuletzt den leichteren der zwei Schwierigkeitsgrade und macht die Reise nach Südamerika damit endgültig zu einer Art Walking Simulator. Wer hingegen zusätzliche Herausforderungen sucht, der löst neben den zentralen Aufgaben auch noch optionale Bonusrätsel, die der Reise unter anderem durch zusätzliche Fundstücke ein wenig mehr Farbe verleihen.
Erklärbekannte
Rein zum Erleben der Geschichte ist Amerzone damit ein sehr gelungenes Abenteuer – auf jeden Fall, was die Stimmung angeht sowie die Tatsache, dass man schon deshalb in die Welt gesogen wird, weil man einen Großteil der Aktionen nicht über simple Klicks ausführt, sondern indem man Schubfächer tatsächlich herauszieht, Schlüssel im Schloss dreht oder einzelne Teile von Maschinen in der richtigen Reihenfolge bedient.
Die Erzählung selbst empfinde ich allerdings als vertane Chance, denn so interessant und zum Teil auch emotional einige seiner Motive sind, so wenig werden sie zur großen Stärke des Remakes ausgebaut. Dabei geht es um teils große Themen, die geschickt an teils reale, teils fantastische Metaphern geknüpft sein könnten, und wie erwähnt sogar um Valembois‘ große Liebe. Doch die Neuauflage streift das alles nur, beschreibt in Schriftstücken zwar die bisherigen Geschehnisse, aber hakt die im eigentlichen Spiel daraus folgenden Konsequenzen und Erkenntnisse nur ab, anstatt sie zu starken Momenten aufzubauen.
Fehlte den Entwicklern womöglich der Mut dazu, sich durch einen Ausbau der Erzählung stärker vom Original zu entfernen? Immerhin wirken auch die wenigen Personen, mit denen man auf der Reise in Kontakt kommt, seltsam statisch. Man merkt ihnen an, dass sie vor allem Kontext schaffen sollen, aber als echte Charaktere eigentlich keine Rolle spielen. Woher weiß jemand zum Beispiel, wer ich bin und was ich mitten im Dschungel mache, als ich ihm zum ersten Mal begegne? Und warum dient er nur als starrer Questgeber, mit dem ich mich nicht einmal wirklich unterhalten kann?
Amerzone: The Explorer’s Legacy im Test – Fazit
So sehr ich die Reise ins fiktive Südamerika dem Charme einer Jules-Verne-Geschichte also genossen habe und so plastisch sich die Welt durch die gelungene Interaktion mit den archaischen Maschinen und Geräten angefühlt hat: Unterm Strich war ein Großteil des Abenteuers ein zwar schönes, aber auch schön oberflächliches Erzählspiel mit sehr leichten Rätseln, bei denen das Finden des notwendigen Interaktionspunktes schon die größte Herausforderung ist – eine manchmal unlogische Herausforderung, die sogar frustrieren kann. Amerzone: The Explorer’s Legacy ist ein gutes Adventure! Nur eben keins, das einen tiefen Eindruck hinterlassen dürfte.
Amerzone: The Explorer’s Legacy PROCONTRA- Stimmungsvolles, vor allem visuell bezauberndes Adventure
- Unterhaltsames Szenario mit interessanten Themen
- Haptisches Bedienen vieler Maschinen, Geräte und Instrumente
- Zwei Schwierigkeitsgrade und optionales Hilfesystem, das in mehreren Schritten behutsam weiterhilft
- Stilvolle Dokumentation aller Gegenstände und Rätsel
- Oberflächliche Erzählung reißt interessante Handlungsstränge nur an
- Das reine Finden wichtiger Aktionsmöglichketen ist meist schon die größte Herausforderung
- Keine detaillierten Grafikeinstellungen und fest vorgegebene Steuerung mit Umsehen über linken Stick
- Einige Logikfehler beziehungsweise Brüche bei Rätseln und in Erzählung









