Metal Gear Solid 5 ist 10 Jahre später immer noch das Beste, was dem Stealth-Genre je passiert ist – und ist ein tolles Gegenmittel für meine Death Stranding 2 Phantomschmerzen
Death Stranding 2 ist nicht spurlos an mir vorübergegangen. Vor allem hatte ich nach meinem Trip zu Kojima Productions nach Tokyo irrsinnig Lust, zu Metal Gear zurückzukehren. Vom offeneren Ansatz mit mehr Kampf und Schleichen bis hin zu der Art, mit der sich Sam bewegt: In Kojimas zweiter Lieferantensimulation steckt nicht gerade wenig von The Phantom Pain. Es ist daher nur passend, dass MGS5 nun das Spiel sein sollte, dass dem Phantomschmerz entgegenwirken sollte, den die Preview-Version von Death Stranding 2 hinterließ.
Und was soll ich sagen: Man merkt diesem Spiel fast gar nicht an, dass es diesen September zehn Jahre auf dem Buckel haben wird. Sicher, Stealth ist schon lange kein dicht bestelltes Feld mehr, in der vergangenen Dekade ist nicht allzu viel passiert in diesem Segment. Aber es ist doch bemerkenswert, wie gut sich das noch immer anfühlt. Die Art, wie einem der afghanische Wind beim Sprinten durch die Ohren saust. Die Weise, mit der Snake aus dem geduckten Gang in eine Kriechbewegung übergeht. Die Klugheit, mit der das Missionsdesign ungezählte Gelegenheiten offenbart, sein Vorgehen anzupassen. Das alles ist bis heute konkurrenzlos klasse.
Ein Kriegsgebiet als Spielplatz für bekloppte Ideen
Das Ergebnis ist ein gewaltiger Sandkasten voller cooler Spielzeuge und smarter Systeme, mit denen zu experimentieren, noch immer eine riesige Freude ist. Ich spiele bis heute unfassbar gern mit der KI, stelle sie mit vorgehaltener Waffe, neutralisiere sie mit CQB, verstecke die hinterlassenen Körper oder nutze sie als Lockvogel. Ich genieße die große Freiheit, meine Feinde eben nicht zu töten, sondern nur auszuschalten, was viel mehr Spiele erlauben sollten. Und damit zusammenhängend: Das Fulton-System, mit dem man Gegenstände, Ressourcen und Personal aus dem Kampfgebiet extrahiert, ist eine inspirierte Ergänzung, die den Gedanken, eine allmächtige, sich selbst versorgende Basis aufzubauen, geradezu beflügelt.
Wie Metal Gear Solid 5 über seine beachtliche Laufzeit hinweg die Machtspirale immer weiter eskaliert, imponiert mir bis heute ebenso wie die Tatsache, dass das Spiel zu jeder Zeit auf alle Eventualitäten eingestellt scheint. Meine Lieblingsanekdote aus meiner Zeit mit dem Spiel versetzt mich bis heute ins Staunen: Ein Missionsziel erledigte ich, ohne überhaupt aus meinem Hubschrauber, Pequod, auszusteigen, der mich immer ins Einsatzgebiet fliegt. Mit dem Bord-MG zerstörte ich die Antennen, die das Subjekt meines Sabotageauftrags waren, schon im Anflug auf die Mission, woraufhin mich mein Pilot nicht einmal absetzte, sondern mich direkt zur Mother Base zurückflog.
MGSV checkt also noch bevor man einen Fuß auf den Boden des Missionsgebiets gesetzt hat, ob die Ziele nicht vielleicht schon erfüllt sind. Das ist allerhand. Und natürlich ist da diese erfrischend “andere” Art, mit der Kojima-Spiele fast jeden einzelnen Aspekt angehen. Um gelieferte Waffen aufzunehmen, steigt ihr in einen Karton, wackelt und raschelt darin herum, um am Schluss besser ausgerüstet aus dem Deckel zu brechen. Oder wie man holografische Zigarren “raucht”, um die Zeit vergehen zu lassen. Grober Unfug, mit maximalem Charisma vorgetragen.
So viele Möglichkeiten - und der Reiz, wirklich alles zu finden, reibt sich knisternd an der Lust, wie ein Geist vorzugehen.Das beste Spiel, das trotzdem nicht ganz fertig wirkt
Sicher, das Spiel ist … aus Gründen alles andere als perfekt. Vor allem die erzählerische Seite wirkt, als hätte Kojima sie nicht zu Ende bringen können. Viele der Dialoge sind unsäglich geschwollen und aufgebläht, einige Subplots unterentwickelt oder nicht gerade anregend geschrieben. Selbst die Regie vieler der Filmsequenzen wackelt auf uncharakteristische Weise, erzeugt Leerlauf, wo Spannung hingehört hätte. Dass unser Protagonist den eröffnenden Angriff auf das Krankenhaus überhaupt überlebt, wirkt, so wie es inszeniert ist, maximal unglaubwürdig.
Und doch kann ich Metal Gear Solid 5 nichts übel nehmen. Ich liebe ja sogar Boss’ abschließenden Monolog vor dem Spiegel, während wir im Hintergrund Solid Snakes Angriff auf Outer Heaven eskalieren hören. Als Kojimas Schulterschluss mit den Fans, zum Abschied von Konami und diesem Franchise gelesen, ist diese Rede für jemanden wie mich pure Magie. Ja, als Überbrückung zu Death Stranding 2 hätte ich mir kein besseres Spiel als dieses aussuchen können – aber jetzt habe ich riesige Lust, schnell mehr von Physint zu sehen.









