Für mich sind viele Indie-Überraschungshits nichts weiter als Twitch-Futter – und ja, ich weiß, das klingt intolerant. Aber mal ehrlich: Wie oft haben wir erlebt, dass ein Spiel in den ersten Wochen explodiert, von Streamern bis zum Erbrechen durchgekaut wird, nur um danach so schnell zu verglühen wie das Wahlversprechen eines Politikers? Das eben noch „revolutionäre“ Game – plötzlich bloß ein weiteres Fossil im Steam-Katalog, gleich neben der dritten Klon-Variante von Among Us.
Among Us dümpelte auch zwei Jahre lang unbeachtet im Store, bis Twitch es zum Massenphänomen erklärte. Wochenlang war „sus“ das Wort der Stunde – und dann kam der Overkill. Objektiv betrachtet – und ohne die vielzitierte Boomer-Brille – muss man aber anerkennen: Wir leben in einer extrem schnelllebigen Zeit, in der Content in Häppchen konsumiert wird und Trends in immer kürzeren Abständen kommen und gehen. Und solange ein kleines Studio damit Geld verdient und die Zielgruppe ein paar Stunden lang Spaß hat, gibt es eigentlich keinen Grund, sich darüber zu echauffieren.
Es wird mega gebonkt
Bei Megabonk hatte ich anfangs dieselben Vorbehalte: wieder so ein Streamer-Hype-Snack. Und dann lese ich auch noch, dass der Kopf dahinter sein Werk selbstbewusst als „Vampire Survivors auf Steroiden“ bezeichnet. Ich fand Vampire Survivors schon ohne Steroide anstrengend genug – aber gut, die Chefredaktion wollte, dass ich mir Megabonk ansehe. Und ich war jung und brauchte das Geld. Außerdem hatte mich kürzlich schon Baby Steps äußerst positiv überrascht – ein willkommener Anlass, meine ohnehin viel zu kleine Komfortzone mal wieder zu verlassen.
In den ersten 30 Sekunden dachte ich nur: Oh Gott, sieht das kacke aus – und neu ist das Prinzip auch nicht. Ihr steuert eine Figur, die automatisch angreift, sammelt Loot und XP, wählt Upgrades, kombiniert sie zu Synergieeffekten und hofft, dass euer Build diesen Run ein bisschen länger durchhält. Alter Hut. Doch dann wächst die Zahl der Gegner, das Tempo zieht gnadenlos an: Monster fliegen durch die Arena, stapeln sich, explodieren – und ich surfe plötzlich als Ritter auf meinem eigenen Schwert davon, während ich brennende Flecken des Todes im Boden hinterlasse, in die meine Feinde zielstrebig hineinrasen und verglühen.
Megabonk Release Trailer Ja, das Spiel ist total irre.Auf YouTube ansehenDenkt an die frühen PlayStation-Tage: grobe Polygone, ruckelige Animationen, Figuren mit mehr Kanten als Details. Damals wirkte das visionär, heute eher charmant unbeholfen. Genau dieses Unbeholfene passt hier perfekt. Es hat etwas Raues, Ungeschliffenes – als hätte der Entwickler verstanden, dass Perfektion nicht automatisch Spaß bedeutet. Gleichzeitig schraubt die Intensität den Puls nach oben. Aufgedrehtheit, ja – aber die Sorte Aufgedrehtheit, die man wie die dritte Dose Red Bull noch irgendwie genießt. Die fünfte schmeckt dann nur noch nach Reue.
Er wird fast zu viel gebonkt
Beim Zocken von Megabonk stecke in einer Spirale aus nackter Panik, blankem Chaos und enormer Befriedigung. Diese emotionale Achterbahn ist tatsächlich der USP, der diesen Titel von der Konkurrenz abhebt – und in mir den magischen „Nur-noch-eine-Runde“-Rausch entfacht. Was auf Screenshots billig oder albern wirkt, entfaltet im Spiel eine fast hypnotische Wirkung. Ich ertappe mich dabei, wie ich grinse, wenn zweihundert kleine Goblins gleichzeitig durch die Arena geschleudert werden, während gigantische Steinriesen mit Felsen nach mir werfen. Dieses permanente Durcheinander fühlt sich frischer an, als ich erwartet hätte.
Das Flammenläufer-Upgrade ist mein Favorit.Am Anfang versuchte ich nur, irgendwie zu überleben. Doch sobald ich das Prinzip verinnerlicht hatte, Schneisen der Verwüstung in die Hundertschaften schlug und in meinem Kopf Beethovens „Ode an die Freude“ in Endlosschleife lief, verstand ich, warum Megabonk auf Steam 94 % positive Bewertungen einsammelt. Aber: Vielleicht liegt’s am Alter, doch nach zwei Stunden fühlte ich mich ausgelaugt, übersättigt vom unablässigen Bombardement meiner Sinne. Als hätte mir jemand das Gehirn herausgezogen, zwei Stunden lang mit dem Vorschlaghammer bearbeitet und es mir danach mit einem knappen „Bis zum nächsten Mal!“ wieder zurückgestopft. Eben wie nach der fünften Dose Red Bull.
Ich will wieder Bonken
Nachdem die Schwellung meines Gehirns wieder abgeklungen war, packte mich erneut die Lust nach etwas Wahnsinn. Inzwischen hatte ich vier der insgesamt 20 Charaktere freigeschaltet – Figuren, die sich nicht nur optisch unterscheiden, sondern auch in Tempo, Widerstandskraft, Waffen und Skills variieren. Unter anderem könnt ihr als Ninja, Affe, Skelett, Astronaut oder Oger antreten. Fast jeder Char wird durch das Erreichen bestimmter Ziele freigeschaltet – etwa indem ihr eine festgelegte Zahl an Monstern erledigt, eine spezielle Waffe kauft, Gegner mit Schimmelkäse vergiftet oder andere Challenges meistert. 15.000 Goblins zu killen klingt auf dem Papier nach einer Mammutaufgabe. Doch wenn euch das Spiel im Sekundentakt mehrere Dutzend Monströsitäten auf den Hals hetzt, merkt ihr schnell: Diese Ziele sind ambitioniert, aber machbar.
Pure Panik verwandelt sich in Befriedigung, wenn man riesige Horden wegputzt.Ich blieb trotzdem bei meinem altbewährten Ritter hängen: träge, aber bärenstark. Tanks liegen mir einfach – egal ob Grunt, Barbar oder Ritter, Hauptsache dicke Rüstung und Waffe mit Wumms. Bogenschützen oder Magier mit alberner Kopfbedeckung und dünnem Zauberstab sind dagegen nichts für mich.
Gebonkt wird nur noch zwischendurch
Drei Dinge sind mir negativ aufgefallen: Erstens die Kameraperspektive, die sofort unübersichtlich wird, sobald man sich in der Nähe einer Wand befindet. Zweitens ist das Gameplay ziemlich monoton – und macht nur wenig Laune, wenn der RNG-Gott keine guten Power-Ups vom Himmel regnen lässt. Und drittens die Technik: Bei sehr hohem Gegneraufkommen kommt es zu Performance-Drops und spürbaren Rucklern.
Trotzdem hatte ich bisher viel Spaß damit – und werde ihn sicher auch in den nächsten Tagen haben, solange ich es in kleinen Dosen genieße. Denn mittlerweile weiß ich genau, wo Megabonk hingehört: auf mein Steam Deck, als perfekte Zwischenmahlzeit, die ich mir zwischendurch auf dem Klo gönne. Ein kurzer Tauchgang ins Chaos, Gehirn durchrütteln, weglegen, fertig. Und wenn der nächste Appetite for Destruction kommt, liegt die nötige Dosis Reizüberflutung nur eine Armlänge entfernt.









